Adoptiere eine Newcomer*in!

Aller Anfang ist schwer, bei Bühnenberufen in der Schweiz sogar noch schwerer. Wenige Produktionen, viele Künstler*innen. Wie soll man da den Einstieg finden? Stefanie Gygax will Neueinsteigern Hoffnung machen und empfiehlt persönliches Netzwerken.

Seit ich unterrichte, begegnen mir immer mehr Musicalstudent*innen und Absolvent*innen, die mit der Tatsache kämpfen, nicht zu Castings eingeladen zu werden. Woran liegt das?

Wir leben in einer Zeit, in der das Angebot von privaten Ausbildungsstätten dermassen gewachsen ist, dass sich fast Jeder ausbilden lassen kann, der die finanziellen Möglichkeiten hat. Ich finde es toll, dass heutzutage Träume wichtiger geworden sind, als ein Hochschulabschluss, aber somit fehlt das natürliche Filtern bereits vor der Ausbildung.

Für die Caster*innen und Produzent*innen wird es auch immer schwieriger, in dem ganzen Ueberangebot an Künstler*innen die richtige Wahl zu treffen. Die grossen Bühnen haben es mit an die 1000 Bewerbungen für eine Produktion zu tun. Ohne Audios und Videos läuft heute gar nichts mehr.

Ausbildung ersetzt Erfahrung nicht

Ich habe mich mit einer  Absolventin der Musicalabteilung an der Stage Art in Adliswil getroffen. Diese Ausbildung erfolgt nebenberuflich und ermöglicht angehenden Künstler*innen den Einstieg in die Szene der Schweizer Bühnen. Trotzdem ist dies in erster Linie eine „Grundausbildung“, so wie die meisten Musicalausbildungen.

Sie berichtete mir, dass sie seit dem Abschluss vor drei Jahren an lediglich vier (4) Auditions eingeladen wurde. Ein schlechter Schnitt, wenn man damit rechnen muss, dass 9 von 10 Castings negativ ausgehen. Sie mache aber fleissig Weiterbildungen, nehme Gesangsunterricht und sei stets dran, ihre Bewerbungsvideos aufzupimpen.

Investiere in Castings und Bewerbungsreels

Ich war wiedermal total erstaunt darüber, wie alleingelassen man eigentlich in diesem Business ist. Klar gibt es in der Schweiz nicht Unmengen an Auftrittsmöglichkeiten, aber wie machen das die Newcomer, die noch keine oder wenig Bühnenerfahrung haben? Diejenigen mit Schwerpunkt Tanz kommen eher mal in ein Ensemble, so lernt man die Leute kennen, aber in den anderen Sparten gehört schon unglaublich viel Glück dazu.

Es bleibt nur, Casting für Casting zu machen, bis es endlich klappt, nachdem du Tausende von Franken in die Auditionsreisen investiert hast. Phu, mir wird mal wieder bewusst, in was für einem irrsinnigen Berufsfeld ich mich befinde.

Ich habe meiner ehemaligen Studentin ein Gespräch angeboten, weil ich der Meinung bin, dass der Austausch  unter Künstler*innen generell wichtig ist. Eigentlich bräuchten wir alle sogenannte Gottis und Göttis, die uns mit Rat und Tat zur Seite stehen, uns vernetzen und uns Tipps geben, um weiter zu kommen. Ohne Netzwerk läuft fast gar nichts.

Geh an jede Popel-Audition!

Ich würde jedem jungen Künstler raten, sich möglichst früh zu zeigen. An jede Popel-Audition zu gehen, nur um zu üben und wieder neue Leute kennen zu lernen. Bühnenerfahrung kannst du nicht üben, indem du zum Unterricht geht, sondern nur indem du auf die Bühne gehst, egal welche.

Perfekt werden wir das Liedchen eh nie singen, den Text werden wir auch nach 20 Jahren ab und zu vergessen und mit der Konzentration haben wir im heutigen medialen Zeitalter wohl alle zu kämpfen. Klar sollten wir uns Rat holen, aber am Besten bei erfahrenen Künstler*innen, nicht bei einem Dozenten oder einer Dozentin, die selbst keine Bühnenerfahrung vorweisen können.

Direkt Vorbilder ansprechen

Findest du eine Bühnenpersönlichkeit besonders toll? Dann trau dich zu fragen, ob du bei ihr oder ihm Unterricht nehmen kannst oder noch besser, bei wem er oder sie gelernt hat.

Die Theaterwelt ist wunderbar, voller Adrenalin, Dopamin und all den stressbringenden Hormonen, aber der Fall kommt immer früher oder später. Ich sehe gewisse Leute immer wieder im Theater, Andere verschwinden mit der Zeit. Ich verstehe es, finde die Tatsache aber auch traurig, dass viele Kolleg*innen an dieser Art von Leben zerbrechen oder irgendwann keine Lust mehr auf dieses unstete Business haben.

Den Mut nicht verlieren

Trotzdem brauchen wir neues und frisches Blut. Bitte liebe Newcomer, holt euch Rat bei erfahrenen Darsteller*innen, bildet euch stets weiter und verliert nie den Mut. Seit frech und fragt nach Feedbacks, ab und zu kriegt man eine Antwort und dann analysiert die Kritik mit eurer Lehrer*in oder mit Künstlerkolleg*innen zusammen.

Aber bitte nicht mit Freunden, die alles schön reden, sondern mit ehrlichen kompetenten Menschen, die im Geschäft sind. Generell gilt es abzuwiegen, hilft mir diese Kritik oder ist das Bullshit. So oder so gilt: „Aufstehen, Krone richten, weitergehen“.

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