Prekariat auch im Journalismus

Freischaffende Journalist*innen können nicht von ihrer Arbeit leben – nicht, weil es zuwenig Aufträge gibt, sondern weil die Verlage prekär bezahlen.

Berufsfelder mit einer idealistischen Berufung, Journalist*innen, Künstler*innen, Peformer*innen, etc. werden von Arbeitgeberseite oft ausgenutzt. Die Arbeit wird als Privileg interpretiert, für das man Abstriche bei fairer Bezahlung akzeptieren soll. Bei Freischaffenden ist das noch stärker spürbar.

Die Zahlen, die persoenlich.com zusammengrtragen hat, klingen wie ein schlechter Scherz – doch für viele Schweizer Medienschaffende sind sie bittere Realität: 20 Franken pro Stunde. Das ist das Ergebnis einer akribischen Kalkulation eines erfahrenen Reporters, der für eine zweiwöchige Recherche inklusive Vorbereitung und Schreiben einen vollen Monat investierte.

Löhne seit 2004 um über 1000 Franken gesunken

Das Honorar von 3500 Franken, das auf den ersten Blick solide wirkt, schrumpft bei genauerer Betrachtung der investierten Arbeitszeit auf ein Niveau, das deutlich unter den kantonalen Mindestlöhnen liegt. Damit steht der Deutschschweizer, der lieber anonym bleiben möchte, nicht allein da. Seine Erfahrung spiegelt den schleichenden Zerfall einer ganzen Berufsgruppe wider.

Seit der Kündigung des Gesamtarbeitsvertrags (GAV) im Jahr 2004 durch den Verlegerverband Schweizer Medien befindet sich das Einkommensniveau der Freischaffenden im freien Fall. Lag der Medianlohn im Jahr 2006 noch bei fast 7000 Franken, ist er bis heute auf rund 5600 Franken brutto eingebrochen. Auch in der Westschweiz, wo formal ein GAV existiert, werden die Tarife in der Praxis oft unterboten – aus Angst der Freien, bei einer Beschwerde künftige Aufträge zu verlieren.

Billige Klicks statt fundierte Recherche

Experten sprechen von einer Verschärfung prekärer Arbeitsbedingungen, die systemische Ursachen hat. Das grösste Problem bleibt die Entschädigung nach Zeilenzahl statt nach Zeitaufwand. Eine investigative Geschichte, die Wochen in Anspruch nimmt, bringt oft nicht mehr ein als ein oberflächlicher Bericht, sofern die Länge identisch ist.

Zudem beklagen Journalisten wie die Westschweizerin Eva Hirschi gegenüber persoenlich.com, dass Medienhäuser Texte heute ohne Zusatzhonorar auf sämtlichen digitalen Kanälen zweitverwerten, während es für die Urheber gleichzeitig immer schwieriger wird, ihre Arbeiten aufgrund der Medienkonzentration mehrfach an verschiedene Titel zu verkaufen.

Trotz der düsteren Aussichten gibt es nach Jahren des Stillstands in den Verhandlungen zwischen den Gewerkschaften und dem Verlegerverband einen Hoffnungsschimmer. Nach 30 Verhandlungsrunden hat der Verlegerverband nun ein Merkblatt vorgelegt, das den Verlagen eine Orientierung für faire Honorare bietet. Darin wird erstmals anerkannt, dass sich die Vergütung am angemessenen Aufwand und am Wert des Medienerzeugnisses orientieren sollte.

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