Toxisches Klima am Theater Luzern

Mobbingvorwürfe, Vertragsverletzungen, Krankschreibungen – das marode Gebäude ist wohl das kleinste Problem am Theater Luzern.

Die Journalistin Julia Stephan tauchte in einer tiefen Recherche für die Schweiz am Wochenende (Artikel online nicht verfügbar) in die zerrüttete Arbeitswelt am Luzerner Theater ein. Aber von Anfang an:

Der Stiftungsrat des Luzerner Theaters entschied sich letzte Woche für eine Co-Intendanz aus dem künstlerischen Leitungsteam, bestehend aus Schauspielchefin Katja Langenbach und Tanzdirektorin Wanda Puvogel. Gute Nachrichten, würde man meinen.

Doch die beiden neuen Co-Intendantinnen erben eine arbeitstechnische Baustelle mit schlechter Stimmung. Ein erstes Problem: Das Lohnniveau fürs Ensemble liegt weit unter dem vergleichbarer Häuser und führt zu hoher Fluktuation in der Belegschaft.  Zum Ende der Saison 2024/25 haben allein 27 Mitarbeitende dem Haus den Rücken gekehrt. So steht es in einem internen Dokument. Nicht mitgerechnet diejenigen, die schon während der Spielzeit gekündigt haben. Kein anderes Theater in der Schweiz weist ähnlich hohe Abgänge aus.

Überdimensionierte Direktion und Sorgenkind Oper

Die vielen Abgänge sind nicht nur den Gagen geschuldet. Unter der Intendanz Ina Karr ist die Zahl der Direktorenstellen auf  11 angewachsen. Karr schuf bei ihrem Stellenantritt 2021 für ihren Lebenspartner Stefan Vogel die Position des künstlerischen Betriebsdirektors.  Dass es mit dem kaufmännischen Direktor Adrian Balmer und ihr nun drei Personen in der Geschäftsleitung gibt, führt zu Irritationen an einem Haus, in dem die Mindestlöhne kaum zum Leben reichen. Es wirkt zynisch, bestbezahlte Stellen von fragwürdigem Nutzen zu schaffen, während das Ensemble klein gehalten wird.

Doch noch grössere Probleme macht die Opernsparte. Seit dem Stellenantritt von Operndirektorin Ursula Benzing im Frühjahr 2023 kriselt es unablässig in diesem Bereich. Nicht nur, dass die promovierte Musikwissenschaftlerin wegen Plagiatsvorwürfen in ihrer Doktorarbeit in die Medien kam (ein Gutachten bescheinigt ihr Mängel bei der Verfassung), auch ihr Führungsstil führte zu lauten Auseinandersetzungen.

Gezielte Demütigungen

Wenn man sich am Theater umhört, erhält man das Bild einer Frau, die zu 150 Prozent für ihre Aufgabe brennt, die aber auch Vertrauen und Atmosphäre mit Mikromanagement vergiftet. In jeder Probe und Vorstellung sei sie anwesend, so erzählen es Mitarbeitende. Demütigungen setze sie gezielt ein, um Sängerinnen und Sänger zu disziplinieren. Vor allem die Solisten würden in einem Klima der Angst arbeiten. Es kam zu Krankschreibungen, die dieser Atmosphäre geschuldet sind.

Die Operndirektorin soll Künstlerinnen und Künstlern regelmässig die künstlerische Professionalität absprechen, sie klein halten und mit Druck, Manipulation und Angst arbeiten. SzeneSchweiz liegen mehrere Beschwerden gegen Benzing vor. Geschäftsführerin Salva Leutenegger sagt: «Das Verhalten von Frau Benzing gegenüber den Künstlerinnen und Künstlern könnte in einigen Fällen als Machtmissbrauch verstanden werden.» Im Raum steht der Vorwurf des Bossing. Damit gemeint ist Mobbing auf Führungsebene, u. a. mit dem Ziel, Mitarbeitende zu demütigen und aus dem Job zu treiben. Noch-Intendatin Ina Karr spricht von „grösstenteils unhaltbaren Vorwürfen“, da SzeneSchweiz in einigen delikaten Fällen die Betroffenen nicht outete, um ihnen Konsequenzen im hierarchischen System des Theaters zu ersparen.

Druck vom Schweizer Bühnenverband

Fakt ist: SzeneSchweiz musste mehrmals gegen unfaire Vertragsanpassungen vorgehen, die mit Druck durchgesetzt werden sollten. Beispiel: Die fest am Haus angestellten Mitglieder des Chors mussten sich mehrfach gegen Benzings Pläne zur Wehr setzen. Traditionell übernehmen deren Mitglieder in Luzern kleinere Solistenrollen. Abgegolten wird das mit einer Pauschale, die seit 50 Jahren nicht erhöht wurde. Mit dem kaufmännischen Direktor Adrian Balmer wollte Benzing das Modell zu Ungunsten des Chors verändern. Der Chor protestierte. Seither erhält er keine Solistenpartien mehr: Solorollen werden in Luzern aus den Opern herausgestrichen, als Chorauszug gesungen oder von Gastsängern übernommen, deren Kosten um das Siebenfache höher liegen als der Soloauftritt eines Choristen. Kein anderes Theater macht dies. Ein fragwürdiges Vorgehen in einem Haus, das mit öffentlichen Statements regelmässig auf seine knappen Ressourcen hinweist.

Der Stiftungsrat hält trotzdem an der Personalie Benzing fest, die lange als mögliche Nachfolge für Ina Karr im Gespräch war. Offiziell ist Kritik an der Personalie Benzing unerwünscht. Salva Leutenegger wurde vom Schweizer Bühnenverband, der die Interessen der subventionierten Stadttheater vertritt, unter Druck gesetzt, ihre Aussage gegenüber CH Media zurückzunehmen. So kontaktierte Finanzdirektor Adrian Balmer den Präsidenten des Bühnenverbandes SBV Dieter Kägi, dieser rief dann den SzeneSchweiz-Präsidenten Matthias Albold an und versuchte so, kritische Aussagen von Seiten des Verbandes zu unterbinden.

Dass SzeneSchweiz die Identität der betroffenen Künstler*innen schützt, ist selbstverständlich. Die Journalistin Julia Stephan machte sich natürlich die Mühe, die Aussagen verschiedener Künstler*innen und diejenigen von Salva Leutenegger zu verifizieren, bevor sie ihren Artikel veröffentlichte.

 

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