«Perlen vor die Säue» oder mehr als eine Fähigkeit

Ist man erfolgreich in einem Bereich, wird man oft auf diese Fähigkeit reduziert – auch wenn man ganz neue Sachen ausprobieren will. Stefanie Gygax über ein breiteres Berufsverständnis.

Ist dir das auch schon passiert, dass du für eine Produktion angefragt worden bist und dann findet sie 1.5 Jahre später statt, ohne dich? Als ich dann nach den Gründen fragte, hiess es, man habe sich entschieden, die Rollen mehrheitlich mit Musikstudent*innen zu besetzen und dachte sich dann, da wäre die Steffi doch zu schade dafür. Aha interessant, aber ich wäre trotzdem gerne gefragt worden!

Was lehrt uns das? Es liegt in unserer Verantwortung, immer wieder nachzufragen. Wir sollten proaktiv sein und unser Interesse bekunden!

Ich habe von Grund auf immer gedacht, wenn die mich wieder dabei haben wollen, dann rufen sie mich an. Ganz im Sinne unseres Künstler*innen-Insiders „Rufen sie nicht uns an, wir rufen SIE an!“ Aber oft läuft das nicht so. Wenn ich in der Sparte Oper/Operette unterwegs bin, denken alle, dass ich nicht mehr in Musicals mitspielen möchte und umgekehrt. Letztens fragte mich ein Kollege, wie ich darauf komme, eines Tages Regie machen zu wollen. Wahrscheinlich aus dem gleichen Impuls heraus, wie das andere Kolleg*innen machen?!

Dazu fällt mir gerade eine Anekdote ein, als ich Regie-Assistenz bei einem renommierten Schauspiel-Regisseur machen durfte. Ich musste wirklich proaktiv sein und mich immer wieder melden. Obwohl wir guten Kontakt hatten und er meinen Wunsch nach Regie-Erfahrung zur Kenntnis nahm, gab es da irgendeine Hemmschwelle.

Perlen vor die Säue

Als diese Zusammenarbeit dann schliesslich zustande kam, wurde mir klar weshalb. Da ich in unserer ersten Begegnung die Hauptrolle in einer Operette sang, war es ihm ständig ein Bedürfnis den Schauspielern zu sagen, wie toll ich singen könne, damit sie wissen, was für eine Perle hier souffliert. Und eines Tages kam dann die Aussage, die sich bei mir eingeprägt hat: „Haha, eine klassische Sängerin, die Regie-Assistenz macht.“

Das klingt wie „Perlen vor die Säue“. Aber weshalb? Unter Schauspieler*innen ist es doch normal, dass alle irgendwann Regie-Assistenz machen und sich auch für die Rolle der Regie interessieren. Ich finde es spannend, wie die individuellen Sichtweisen unsere Wege teilweise blockieren oder weiter ebnen können.

Es ist mir klar, dass ich mein Interesse für ein neues Genre oder für eine Position im Leading Team kommunizieren muss. Aber wenn man immer wieder unterschiedliche „Rollen“ im Theater einnimmt, kann das für einige Parteien offensichtlich verwirrend sein. Ich liebe, es auf und neben der Bühne in verschiedenen Bereichen tätig zu sein und möchte das sogar noch erweitern, um ganz viele Menschen damit zu irritieren. Schlussendlich liegt mir das Theater am Herzen und ich finde alle Positionen spannend und bereichernd.

Ich merke, dass ich mir lange Zeit auch selbst im Weg stand, indem ich das Gefühl hatte, mich auf ein Genre oder Fach fokussieren zu müssen. Aber das will ich nicht mehr. Mich reizen so viele verschiedene Gebiete im Theater und ich muss mich nicht für eine Sparte entscheiden. Wie genial ist das denn, wenn ich von der Position der Musicaldarstellerin zur Rolle der Choreographin wechseln darf am einen Tag und am nächsten Morgen singe ich eine Messe als klassische Sängerin. Schlussendlich muss ich dafür sorgen, dass es mir Freude macht und diejenigen, die das verwirrt: „I’m sorry, that’s me“.

Gerade in der heutigen Zeit, wo sich die Geschlechter, sowie die Genres immer mehr vermischen, sollte doch auch diese Verschmelzung der Rollen im Theater ganz normal sein. Was für ein Mehrwert, wenn wir alle in mehreren Bereichen tätig sein können, die uns immer wieder aufs Neue fordern, ohne dass der Schuster bei seinem Leisten bleiben muss. So möchte ich am Ende meines Lebens doch lieber singen können:

„I did it my way.“

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