Das Zelt: Frust & Enttäuschung

Ausstehende Gagen, Kontaktverweigerung, böses Blut – weit über 2.5 Millionen Franken Schulden belasten Das Zelt. Adrian Steiner spricht in den Medien von «neuen Investoren», aber die Mitarbeitenden und Künstler*innen warten noch immer auf ihr Geld – und sie haben die Nase voll.

Das Zelt ist seit Ende April geschlossen, die Lichter aus, die Manege leer – und mitten drin der Zirkusdompteur Adrian Steiner. Ein Mann mit einer Vision, auch jetzt noch. Einer, der die Menschen eigentlich begeistern und motivieren kann. Doch seine Künstler*innen bleiben weg, tragen Groll und Enttäuschung und fühlen sich betrogen. Betroffen sind 73 Künstlerinnen und Künstler.

«Wir warten bereits seit Monaten auf unsere Gagen oder Löhne, einige schon länger», erklärt X.*, die als Artistin in der Wintersaison 25/26 für Das Zelt gearbeitet hat. «Der grösste Teil des Teams hat noch keinen Franken gesehen.»

Die ausstehenden Beträge für die Künstler*innen gehen von 5000 bis 15 000 Franken. Verglichen mit den Millionenschulden vielleicht nicht viel, aber für Darsteller*innen und Bühnenarbeitende existenziell. Eine andere Betroffene verdeutlicht: «Wenn Honorare über viele Monate nicht bezahlt werden, entstehen zwangsläufig finanzielle Schwierigkeiten. Ich hatte grosses Glück, dass meine Familie mich in dieser Zeit unterstützen konnte. Ohne diese Hilfe wäre die Situation für mich deutlich schwieriger gewesen.»

«Respektlos»

Dienstag, zweite Hälfte August 2026, seit Monaten hofft. Artistin K.* auf die Auszahlung ihrer vertraglich ausgehandelte Gage. Jetzt  sitzt sie  im vom Jahrhundertsommer aufgeheizten Zimmer der Schlichtungsbeamtin und wartet auf Adrian Steiner. Er, beziehungsweise das Management von Das Zelt, soll sich mit ihr zusammensetzen, um eine Lösung für den ausstehenden Betrag zu finden. Oder nur schon anzuerkennen, dass die Künstler*in Anspruch auf diese Gage hat. Von da aus könnte man dann gemeinsam entscheiden, wie es weitergeht. Könnte man, wenn Steiner oder wenigstens eine Vertretung auftauchen würde. Zehn Minuten sind vergangen, der Sitz bleibt leer.

ENSEMBLE hatte Kontakt zu mehreren ehemaligen Mitarbeitenden und Artist*innen, die aus Gründen des Selbstschutzes anonym bleiben möchten. Man gelte schnell als «schwierig», wenn man sich wehre. Alle, mit denen wir gesprochen haben, betonen dasselbe: Sie alle waren mit Herzblut dabei. Sie liebten das Zelt und ihre Arbeit in diesem kleinen Universum. Doch: «Wir sind enttäuscht, nicht weil eine Produktion einmal in Schieflage geraten kann, sondern weil wir als Künstler*innen und Menschen nicht respektiert werden.»

«Fehler passieren, aber nicht so»

Nicht nur warten dutzende Mitarbeitende und Artist*innen auf ihr Geld, das Management um Steiner blockiert zudem eine Lösungsfindung. Steiner vertröstet, sucht Ausreden oder verweigert die Kommunikation mit den ehemaligen Mitarbeiter*innen vollständig.

Eine Künstlerin, die sich trotz finanzieller Unregelmässigkeiten und fragwürdiger Zahlungsmoral noch bis zum Ende für Das Zelt einsetzte, formuliert es so: «Ich bin sehr enttäuscht und auch wütend über die schlechte Kommunikation – oder besser gesagt KEINE Kommunikation – und dass wir als Künstler:innen nun ausbaden müssen, was schief lief in den oberen Etagen. Dass Fehler passieren, ist unvermeidbar, aber dann nicht dazu zu stehen, nicht klar zu sagen, was läuft, und dass die Künstler:innen und Angestellten vor Ort nun die Leidtragenden für die Fehler der Direktion sind, finde ich respektlos und unterstes Level.»

Bekanntes Verhalten

Spricht man mit Platzvermietern und Geschäftspartnern, zeichnet sich ein Muster ab: Rechnungen wurden mit viel Verspätung bezahlt, oft nur unter Druck und Androhung von Konsequenzen, einige Vermieter mussten auf der Zahlung der letzten Saison bestehen, bevor sie neue Verträge schlossen.

Und auch das Problem mit der Wertschätzung der Mitarbeitenden und Darstellenden ist nicht neu: einige vorgewarnte Künstler*innen traten nur gegen Vorkasse auf. «Leider war es schon von Anfang an kein Geheimnis, dass Das Zelt eine sehr schlechte Zahlungsmoral hat. Schon 2022 wurde ich von verschiedenen Seiten darauf aufmerksam gemacht, dass diverse Angestellte immer wieder auf ihre Zahlungen warten mussten oder ihr Geld nicht erhielten. Bei mir wurde immer alles bezahlt, wenn auch einige Male mit grosser Verzögerung. Jedes Mal war es an mir, nachzuhaken, wo die Zahlung bleibt», erzählt eine ehemalige Artistin.

«Es ist traurig, dass wir keine einvernehmliche Lösung finden können. Aber irgendwann muss man sich auch wehren», beklagt Y.,  eine ehemalige Stagemanagerin. Eine andere  Artistin, die gemeinsam mit ihrem Mann die Wintersaison 25/26 für Das Zelt bestritten hat, drückt es so aus: «Wir möchten (…) auch andere Künstlerinnen und Künstler vor ähnlichen Erfahrungen schützen. Unser Ziel ist es, endlich den Lohn zu erhalten, der uns für unsere geleistete Arbeit zusteht. Wir hoffen, dass dadurch die offenen Gagen endlich bezahlt werden.»

Rechtliche Schritte

Zurück im Schlichtungszimmer. Fünfzehn Minuten sind vergangen. Weder Steiner noch eine Vertretung hat sich die Mühe gemacht, aufzutauchen. Ohne Abmeldung oder Entschuldigung. Die Schlichterin wird ohne Steiner einen Vorschlag ausarbeiten und ihn den Parteien zustellen. Sollte Steiner das Schlichtungsangebot ablehnen, bleibt der Künstler*in nur noch die Klage. Falls das Unternehmen dann überhaupt  noch besteht. Eine andere Firma Steiners, die Das Zelt Gastronomie GmbH, hat bereits am 11.08.2026 Konkurs angemeldet. Die für die ausstehenden Gagen zuständige Das Zelt AG scheint sich noch knapp über Wasser halten zu können. Aber für die ausstehenden Löhne und Gagen sieht es düster aus.

Dass Steiner neue Investoren begeistern kann, halten viele Betroffene für unwahrscheinlich. Einige haben es aufgegeben, für die ausstehenden Gelder zu kämpfen, da in ihrem sowieso schon herausfordernden Arbeitsalltag nicht auch noch Zeit für langwierige rechtliche Auseinandersetzungen bleibt. Andere versuchen, sich zu wehren, und organisieren sich. Sie überlegen sich, gemeinsam rechtlich gegen Steiner und Das Zelt vorzugehen.

 

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