ZFF & Tiktok – Reichweite statt Kultur
Kurzfutter fürs Handy statt professioneller Kultur-Berichterstattung – das Zurich Film Festival stellt mit der Tiktok-Kooperation Reichweite über Substanz.
Das Zurich Film Festival (ZFF) geht neu eine strategische Partnerschaft mit TikTok ein. Künftig wird der Green Carpet direkt live an die App übertragen, begleitet von eigens engagierten Live-Creators und speziell entwickelten Kampagnen rund um die Kooperation.
Rund 12 Millionen „Kontakte“ will das ZFF mit der Doomscrolling-App erreichen. So verlockend die Reichweitenlogik klingt, so hoch können Reputationsschaden und Qualitätseinbusse sein. Für Managing Director Mehmet Inan kein Problem, sondern ein „zentraler Baustein“ der New-Media-Strategie, auch wenn die Schweizer Identität des Festivals einem flimmernden Brei aus internationalem Lifestyle-Entertainment zum Opfer fällt, in dem man Los Angeles nicht von Tokio oder London unterscheiden kann.
Kurzformat gegen Autorenkino
TikToks Algorithmus belohnt Tempo, Zuspitzung und den ersten Sekunden-Hook. Ein Festival, das komplexe, langsame oder sperrige Filmkunst feiert, riskiert, dass genau diese Werke in einer Plattformlogik verschwinden, die auf virale Zwanzig-Sekunden-Clips ausgelegt ist. Die Kooperation droht damit, den kuratorischen Anspruch des ZFF an die Ästhetik der Plattform anzupassen statt umgekehrt.
Fragwürdiger Partner
TikTok steht wegen Datenschutz, Jugendschutz und seiner Nähe zum chinesischen Mutterkonzern ByteDance in mehreren Ländern unter politischer Beobachtung, in den USA gab es zeitweise sogar Verbotsdiskussionen. Ein Kulturinstitut, das sich öffentlich mit einer derart umstrittenen Plattform verbindet, setzt seine Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit aufs Spiel.
Abhängigkeit von Plattformlogik
Wer seine Reichweite über TikTok aufbaut, baut sie auf fremdem Grund. Algorithmus-Änderungen, Monetarisierungsregeln oder regulatorische Eingriffe liegen ausserhalb der Kontrolle des Festivals – die mühsam aufgebaute Community kann von einem Tag auf den anderen an Sichtbarkeit verlieren.
Kommerzialisierung des Erlebnisses
Der Green Carpet als Live-Content-Ware für virale Momente verschiebt den Fokus von Filmkunst zu Celebrity-Spektakel und Aufmerksamkeitsökonomie – ein Trend, der viele grosse Festivals bereits prägt und den das ZFF mit künstlerischem Anspruch bewusst kontern könnte, statt ihn zu verstärken.


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