Gross auftreten, auch im Alltag!

Viele Künstler*innen scheinen auf der Bühne grösser, aussergewöhnlicher, beeindruckender. Warum nehmen wir uns im Alltag so zurück? Warum sind wir nicht genau so verrückt wie auf der Bühne? Gedanken von Stefanie Gygax

Eine kürzliche Unterrichtserfahrung hat mich sehr beschäftigt. Ein neuer Student, mit dem ich einen Musicalsong erarbeite, war in der ersten Begegnung unglaublich schüchtern. Die Schultern nach vorne geneigt, den Blick nach unten, leise sprechend, von einem Fuss auf den anderen tänzelnd, unsicher und total unscheinbar.

Er berichtete mir, dass er am Liebsten die Bösewichte interpretiere und dass dies auch bei seinen Mitstudenten immer total gut ankommt. Dann fingen wir an zu arbeiten, er war unglaublich nervös, aber die Stimme erklang mit vollem Volumen und einer grossen Kraft, sodass mir klar war, was in ihm schlummern könnte. Bereits diese Verwandlung von der zarten Sprechstimme zur kraftvollen Baritonstimme war beeindruckend.

Die Rolle, die er verkörpern musste, war ein skrupellos bösartiges Wesen, manipulativ, grausam, verbrecherisch. Ich wies den Student Schritt für Schritt an, wie er anders dasitzen und stehen solle: Schultern zurück, Brust raus, Kinn angehoben, gerade Haltung, starrer Blick, offene Augen usw.

Was dann passierte hatte ich noch nie so erlebt. DAS war mal eine Verwandlung, er war ein anderer Mensch. Die Wirkung war so unglaublich transformiert, dass ich total erstaunt war darüber, was da eigentlich passierte. Ich erinnerte mich wieder daran, warum ich ursprünglich im Theater arbeiten wollte, und dass immer schon, nicht nur das singen wichtig war für mich. Man darf auf der Bühne etwas verkörpern, dass man im normalen Leben nicht ausleben will/darf.

Wie kann es sein, dass dieser Schüler vom schüchternen Studenten zum einschüchternden Mörder wird, und nach der Unterrichtsstunde wieder seine Brille aufsetzt und in unsicherem Schritt den Raum verlässt? Würde ich das in einem Film sehen, wäre doch für alle klar, der tarnt sich. Aber nein, er verwandelte sich und genoss es, für einen kurzen Moment eine Kraft zu spüren, die er im Alltag nicht ausleben „darf“.

Dies bringt mich zum Nachdenken. Viele Menschen machen sich klein im Alltag: „Ich darf dies nicht, ich darf das nicht …“. Sei bescheiden, rede nicht zu viel über dich, erzähle nicht zu viel von deinen Erfolgen, das lässt dich überheblich wirken. Man möchte dazugehören. So lernt man schon in der Schule, dass die Mitschüler neidisch werden, wenn Jemand zu viel Aufmerksamkeit und Lob bekommt. Zurückhaltung als Mittel. Dann fällst du nicht so auf und kannst auch nicht gemobbt werden.

Wieso ist „anders“ sein nicht geil und sexy? Weshalb wird Individualität nicht gefördert? Weil man uns dann weniger kontrollieren kann? Weil Andersartigkeit die Gruppe bedroht?

Ich wünschte, es gäbe nicht diese ständige Schubladisierung von Allem. Die Menschen brauchen Sicherheit durch „Definition“, durch Heirat, durch Kategorien, Stimmfächer und Genres. Wieso kann nicht alles gleich behandelt werden. Opernsänger finden Musicaldarsteller peinlich, deshalb schreibe ja nicht deine Musicalengagements in den CV, wenn du dich für eine Oper bewirbst. Meine Güte, in welchem Jahrhundert leben wir?

Bitte meine Damen und Herren, lasst uns ein bisschen mutiger sein und versuchen wir doch einander auf gleicher Augenhöhe zu begegnen. Klar gibt es qualitative Unterschiede, aber die sind selbst innerhalb eines Genres enorm! Es kann doch nicht sein, dass ein Student sagt, er spiele immer gerne die Bösewichte, weil er im echten Leben immer lieb sein muss und das mache ihn total müde.

Auch unsere wütende und traurige Seite will gelebt werden. Das ist menschlich und authentisch. Klar ist es einfacher im Umgang miteinander, wenn man aufeinander Rücksicht nimmt und einen respektvollen Umgang pflegt, aber das geht doch auch, wenn man anderer Meinung ist und seine Gefühle äussert.

Ich wünsche gerade uns Künstlern mehr Freude an sspeziellen Persönlichkeiten im Business. Lasst eure Gefühle raus, sagt wie es euch wirklich geht und macht euch nicht klein! Ihr werdet staunen, wie sich euer Leben verändert und plötzlich Krankheiten verschwinden, deren Ursache nie richtig diagnostiziert werden konnte.

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