«Minimalen Respekt, bitte!»

Castings und Auditions sind für Darstellende der pure Stress. Da wäre es nur anständig, wenn man mit etwas Respekt empfangen würde. Eine Kritik von Stefanie Gygax.

Kennst du dieses Phänomen? Du gehst zur Audition, hast dich wochenlang darauf vorbereitet, Lieder aus dem Stück gelernt, einen ausgewählten Monolog vorbereitet, vielleicht sogar noch eine*n Korrepetitor*in dafür bezahlt, mit dir daran zu arbeiten. Du verzichtest vor dem Vorsingen auf Alkohol und Menschenmassen, gibst noch Unterrichtsstunden an andere ab, um den Termin einhalten zu können. Vorbereitung, Aufwand, Arbeit.

Dann der grosse Moment: Du öffnest die Tür und stellst dich der Audition. Die Anwesenden heben kaum den Kopf, Schweigen begrüsst dich, jemand lässt ein lahmes «Hm …» vernehmen. Okay, denke ich mir jedes Mal, damit habe ich jetzt wieder nicht gerechnet. Bisher war ich gut gelaunt.

Dann nehme ich das Ganze eben selbst in die Hand: «Ich freue mich, heute hier zu sein, und möchte gerne mit folgendem Stück beginnen…»

STILLE.

Ich gehe zum Pianisten, begrüsse ihn, wir sprechen uns kurz ab, und ich singe das erste Lied.

NICHTS.

Ähm, hallo? Ist da jemand? Ich wusste, dass jeder Kandidat nur ein Lied vortragen kann, aber ist das euer Ernst? Nicht mal ein «Danke, wir melden uns» oder wann entschieden wird, wer in die 2. Runde kommt?

Ich bin sprachlos, dass sogar an einem renommierten Opernhaus so vonstattengeht. Da habe ich doch keinen Bock, mit diesem Menschen zu arbeiten. Sind wir Sänger*innen so verzweifelt, dass man so mit uns umgehen kann? Eine Frechheit ist das. Von uns wird immer verlangt, dass wir höflich sind. Wer will denn schon mit einer Diva arbeiten?

Eine Operndirektorin meinte einmal, es wäre schon nett, wenn die Vorsingkandidaten wenigstens «Hallo» sagen würden. Genau das wünschte ich mir bei den letzten beiden Vorsingen auch bei der Gegenseite!

Ich stelle mir vor, wie ich das auf der anderen Seite machen möchte. Ich sehe mich, wie ich auf die Kandidaten zugehe, ihnen die Hand gebe und ein paar Worte mit ihnen wechsle. Kann man sich diese Zeit nicht nehmen? Ich möchte doch wissen, wen ich da als Mensch engagiere. Die Zusammenarbeit nach dem Casting beruht doch auf dem Umgang miteinander … Wenn man sich nicht versteht, wird die Leistung auf beiden Seiten beeinträchtigt und das Endergebnis ohnehin.

Heutzutage werden so viele Vorauswahlen per Video getroffen und man kann sich auf eine kleinere Anzahl Audition-Kandidaten beschränken. So könnte man sich für jeden Einzelnen auch etwas mehr Zeit nehmen. Aber wer weiss, vielleicht erzähle ich euch in ein paar Jahren von den Nöten und Schwierigkeiten aufseiten der Regie und der Produzenten, wir werden sehen.

Generell wünsche ich mir fürs neue Jahr einen respektvolleren Umgang bei Auditions. Ich bitte die andere Seite um mehr Herzlichkeit, aber auch um mehr Führung in dieser für uns Künstlerinnen und Künstler unangenehmen Situation. Ich wünschte mir, dass jede*r Regisseur*in und Produzent*in wenigstens einmal einen Audition-Prozess durchmachen müsste, um zu sehen, wie nackt und komisch man sich bei einem Vorsingen fühlt und wie viel Respekt wir für diese Mutprobe verdienen.

2 Kommentare
  1. Pascal Olivier Illi
    Pascal Olivier Illi sagte:

    Danke Stefanie!
    Oh ja – es ist manchmal schlicht ne Frechheit, was wir so erleben müssen.
    Schön“ find ich ja auch, wenn die CastingDirektorin Dir Noten von 3 Stücken zukommen lässt – der Regisseur aber nicht mal Bock hat, Dich wenigstens eines der 3 singen zu lassen!! Dann ticke ich aus & werde laut & leider auch laut
    Oder das Beste“ ist auch, Du kommst in den Raum & merkst sofort, Du könntest ebensogut wieder gehen… und dagegen anzukämpfen ist einfach unglaublich schwer…

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  2. Nelly Gyimesi
    Nelly Gyimesi sagte:

    Danke, Stefanie.
    Ich wollte darüber schon lange einmal schreiben – oder mich offiziell beschweren.

    Es ist schlicht nicht akzeptabel, wie heutzutage teilweise immer noch mit Kandidat*innen umgegangen wird. Ich war kürzlich an einer Audition, bei der im Vorfeld klar kommuniziert wurde: „Monolog (2 Minuten), Up-Tempo-Song und Ballade vorbereiten.“ Es gab sogar eine Vorauswahl, sodass nicht einfach alle erscheinen konnten.

    Und trotzdem: Die Menschen kamen am Laufmeter weinend wieder heraus. Nach wenigen Sekunden abgewürgt, kein Blickkontakt, arrogant, überheblich. Teilweise wurde nicht einmal richtig hingeschaut.

    Ich durfte meine Sachen zwar zeigen, aber in mir kochte bereits eine enorme Wut – nicht wegen mir, sondern wegen der respektlosen Behandlung meiner Vorgänger*innen. Meine Gedanken waren die ganze Zeit bei ihnen.

    So geht das nicht.
    Wir sind nicht mehr in den 80er-Jahren bei A Chorus Line.

    In den USA ist man vielerorts schon viel weiter: Dort wird während des Castings mit den Menschen gearbeitet. Die Caster wissen, dass selbst größte Bühnenprofis in Auditionsituationen Angst haben können und deshalb nicht ihre volle Leistung abrufen. Genau deshalb begegnet man sich auf Augenhöhe. Das nimmt sofort Druck raus – und führt zu besseren Ergebnissen für alle.

    Hier ist es oft einfach traurig. Viele Regisseurinnen und Caster glauben, sie müssten nicht freundlich sein, weil die Nachfrage enorm ist. Es gibt viel mehr Künstlerinnen als Jobs – also scheint Respekt verzichtbar.

    Für mich war das irgendwann der Punkt, an dem ich radikal begonnen habe, meine eigenen Projekte zu machen. Plötzlich fülle ich Theatersäle und Konzerthallen, die Menschen kommen freiwillig zu meinen Shows. Ich musste es selbst in die Hand nehmen, um nicht kaputtzugehen.

    An einem Casting wird man mich kaum mehr sehen.
    Und wenn, dann auf der anderen Seite – mit Respekt, Empathie und echter Wertschätzung gegenüber den Künstler*innen.

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