Ausdrücken, was man erreichen will!
Schweigen ist Silber, Reden ist Gold – wie soll deine Umgebung wissen, was du anstrebst, wenn du dich nicht getraust, es auszudrücken? Unsere Kollegin Nadine Hochstrasser teilt ihre Erfahrung.
Ich musste ein Solo für ein Stück erarbeiten. Thema frei, Umsetzung frei, zwei Minuten Zeitvorgabe. Das Einzige, was vorgegeben war, habe ich nicht erfüllt. Mein Solo dauert fünf Minuten.
Aber daran kann man ja noch arbeiten. Etwas erschöpft, aber mit vollem Herzen sitze ich auf meinem Sofa. In mir brodelt noch immer dieser kreative Rausch, den ich endlich wieder einmal so richtig gespürt habe. Ich bin ein bisschen müde im Kopf, sehr überdreht und zufrieden.
Ich denke darüber nach, wie es eigentlich dazu gekommen ist, dass ich dieses Brodeln, das ich in letzter Zeit vermisst habe, wieder einmal zu spüren bekommen habe.
Es braucht Mut, sich immer wieder zu fragen: Bin ich eigentlich noch auf dem Weg, auf dem ich sein möchte? Und noch mehr Mut braucht es, das, was man will, auch vom Leben einzufordern und sich nicht immer für den bequemeren Weg zu entscheiden, sondern den Mund aufzumachen und zu sagen: «Ich will das.»
Ach, der liebe Mut. Irgendwie ein unangenehmer Zeitgenosse. Er taucht aus dem Nichts auf, verschwindet seelenruhig wieder hinter der nächsten Mauer, schaut kurz hervor und rennt dann in die andere Richtung. Trotzdem ist er wohl mein liebster Spielpartner.
Vernunft versus Traum
In den letzten eineinhalb Jahren habe ich mich voller Eifer ins Produktionelle gestürzt. Mein Leben findet plötzlich hauptsächlich vor dem Computer statt. Wo früher Manege, Zirkuszelt, Glitzerkostüme, Traktoren und Zirkuswagen meinen Alltag bestimmten, sind es nun Homeoffice, Fundraising, Arbeitsbewilligungen, Letters of Intent, Excel-Tabellen und all das Zeug, das in unserer Branche zwar dringend gemacht werden muss, aber selten jemand freiwillig übernimmt.
Ein Glück für mich. Ich wollte genau das lernen. Ich wollte verstehen, wie Kulturprojekte funktionieren, wie man sie finanziert, organisiert und überhaupt erst möglich macht. Und das habe ich getan. Ich bin gut darin geworden und ich bin stolz darauf.
Trotzdem wurde mir auch schnell klar: Acht Stunden hochkonzentriert vor dem Laptop sitzen, mich möglichst wenig bewegen und bürokratische Probleme lösen – das ist jetzt auch nicht unbedingt das, was ich fünf Tage die Woche machen möchte.
Ich möchte wieder mehr Kreativität in meinem Alltag.
In den Augen der anderen war ich plötzlich «die Produktionsleiterin». «Die Fundraiserin». Und dummerweise werden Produktionsleiterinnen im Moment deutlich häufiger gesucht als Schauspielerinnen. Ein bisschen schmeichelhaft ist das natürlich schon. Aber eben nur ein bisschen. Viel schmeichelhafter fände ich es, als Spielerin angefragt zu werden.
Also fasste ich einen Entschluss: Ich wollte wieder mehr spielen. Und dafür müsste ich eigentlich nur etwas ziemlich Banales tun: den Menschen um mich herum einfach sagen, dass ich das will.
Wo wir wieder beim Mut wären. Oder beim Zufall.
Chancen nutzen, nicht schweigen
Dass ich das dann wirklich aussprach, verdanke ich ausgerechnet einem klassischen Theateralbtraum.
Bei einer Produktion, die ich – auch im echten Leben – als Produktionsleiterin begleite, fiel am Premierentag plötzlich eine Darstellerin aus. Selbstverständlich musste ich spontan einspringen. Ebenfalls selbstverständlich hatte ich keine Ahnung, wie das Stück ging. Also machte ich das, was man in solchen Situationen eben macht: panisch improvisieren und möglichst unauffällig bei den anderen abschauen. Irgendwie funktionierte es. Angenehm war es trotzdem nicht.
Ein paar Tage später erzählte ich diesen Traum den Kollegen der künstlerischen Leitung. Nicht als versteckte Bewerbung. Einfach, weil ich ein Plauderi bin.
Sie schauten mich an und fragten:
«WTF, ez em Ernst? … Isch das denn würkli chli din Traum?»
Verlegenes: «Ja, eh.»
«Eus send nämlich grad zwei Spelendi abgspunge …»
Und jetzt haben die mich schwuppdiwupp als Spielerin engagiert.
Irgendwie war das fast zu einfach.
Und jetzt zu sagen: «Träume werden wahr», wäre zwar naheliegend, aber für meinen Geschmack etwas zu cheesy.
Deshalb vielleicht:
Träume werden wahrscheinlicher, wenn man sie ausspricht.



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