Schweizer Profi-Kultur: Endstation Prekarität?

Suisseculture schlägt Alarm: Zwischen Sparpaketen auf allen föderalen Ebenen, dem KI-Druck und der Halbierungsinitiative kämpft das professionelle Kulturschaffen in der Schweiz ums nackte Überleben.

Aktuell stemmt sich Suisseculture gemeinsam mit Partnerverbänden gegen eine Welle von Angriffen auf die Kulturszene Schweiz. Allen voran die Halbierungsinitiative, die laut dem Dachverband nicht nur die SRG stutzen, sondern die Sichtbarkeit der Schweizer Kultur schlichtweg zerstören wird. Aber nicht einzelne Massnahmen, sondern der breite Angriff auf das Kulturschaffen könnten Kulturarbeit in der Schweiz unmöglich machen: Die Summe der Einzelmassnahmen führt dazu, dass professionelle Kulturarbeit in der Schweiz kaum mehr finanzierbar ist, während die Sichtbarkeit im Ausland gleichzeitig wegbricht.

Die Realität: 3’333 Franken im Monat

Die Zahlen von Suisseculture Sociale sprechen eine deutliche Sprache. Seit 2016 sinken die Einkommen kontinuierlich.

  • Der Status Quo: Das Medianeinkommen liegt unter 40’000 CHF pro Jahr.

  • Die Folge: Wer monatlich mit 3’333 CHF brutto kalkulieren muss, kann in der Schweiz kaum eine Familie gründen.

  • Das Problem: Kulturförderung wird oft als „Zustupf“ missverstanden. Für Suisseculture ist klar: Förderung ist Lohn- und Honorarzahlung. Wer hier kürzt oder den Teuerungsausgleich verweigert, nimmt wachsende Armut in Kauf.

Querschnittssektor im Visier der Politik

Obwohl die Politik oft behauptet, die Kulturbudgets würden nur „eingefroren“, entlarvt Suisseculture dies als Mogelpackung. Im Entlastungspaket 2027 des Bundes ist die Kultur direkt oder indirekt von 22 Massnahmen betroffen. Besonders kritisch sieht der Verband die Kürzungen bei Pro Helvetia. Wenn Mittel für Auslandsmandate gestrichen werden, verschwindet Schweizer Kunst von der Weltbühne.

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Die 22 Massnahmen im Detail

1. Direkte Kürzungen im Kulturbudget

  • Einfrieren der Kulturbotschaft 2025–2028: Was nach „Stabilität“ klingt, ist real eine Kürzung. Durch die fehlende Teuerungsanpassung sinkt das Budget bis 2028 effektiv um ca. 4 %. Das trifft direkt das Bundesamt für Kultur (BAK), Pro Helvetia und das Nationalmuseum.

  • Kürzung bei Pro Helvetia: Dies führt zu massiv weniger Auftritten, Ausstellungen und Kooperationen von Schweizer Künstlerinnen und Künstlern im Ausland.

2. Kahlschlag bei der Sichtbarkeit (SRG-Auslandsmandat)

  • Streichung der Bundesbeiträge: Ab 2027 will der Bund die Unterstützung für das Auslandangebot der SRG (u. a. Swissinfo, 3sat und später TV5Monde) komplett einstellen.

  • Die Folge: Schweizer Kultur verliert ihre wichtigsten Schaufenster im Ausland. Zudem entfallen dadurch schätzungsweise 3,3 Millionen Franken an Urheberrechts-Einnahmen für Kulturschaffende, da ihre Werke nicht mehr international ausgestrahlt werden.

3. Indirekte Folgen durch vernetzte Sektoren

Suisseculture hebt hervor, dass Kultur in fast alle Lebensbereiche ausstrahlt. Das EP27 spart an vielen dieser Schnittstellen:

  • Tourismus: Kürzungen bei Schweiz Tourismus und Innotour schwächen den Kulturtourismus (Festivals, Museen).

  • Bildung & Jugend: Einsparungen bei der ausserschulischen Kinder- und Jugendförderung sowie bei den Schweizerschulen im Ausland treffen die kulturelle Vermittlung.

  • Forschung & Innovation: Kürzungen beim Nationalfonds (SNF) und der Verzicht auf digitale Anschubfinanzierungen bremsen innovative Kulturprojekte und Archive aus.

  • Umwelt & Energie: Kürzungen bei EnergieSchweiz treffen Kulturhäuser und Festivals, die in energetische Sanierungen oder nachhaltige Events investieren wollen.

4. Soziale Sicherheit im Visier

  • Sozialversicherungen: Suisseculture kritisiert Pläne, Kapitalbezüge aus der 2. und 3. Säule (unter 100’000 CHF) höher zu besteuern. Da viele Kulturschaffende „atypisch“ beschäftigt sind und oft nur kleine Vorsorgebeträge ansparen können, träfe sie diese Massnahme überproportional hart.


Neue Bedrohung: Der KI-Faktor

Zusätzlich sorgt die Künstliche Intelligenz für Verunsicherung. Laut aktuellen Studien drohen Musikschaffenden bis 2028 Einkommensverluste von bis zu 24 %. Dass dies keine Science-Fiction ist, zeigt der aktuelle Streik der Synchronsprecher gegen Netflix – ein Warnsignal, das laut Suisseculture auch die Schweizer Szene massiv unter Druck setzt.

Die Forderung: Ein Nährboden statt nur „Leuchttürme“

Für Suisseculture ist professionelle Kultur kein „romantisches Nebenprojekt“, sondern harte Arbeit mit Sozialabgaben und Risiken. Damit Vielfalt überlebt, braucht es laut Verband drei Dinge:

  1. Faire Honorare und soziale Absicherung.

  2. Verlässliche Sichtbarkeit im In- und Ausland.

  3. Europäischer Anschluss: Die Vollassoziierung an Programme wie Creative Europe, Horizon und Erasmus+ ist überfällig.

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