Ein Jahr RADA – ein Abschied und ein Start

Corinne Soland besuchte für ein Jahr die Royal Academy of Dramatic Art und schrieb darüber. Hier kommt das Fazit und ein wenig Abschiedsschmerz.
Text Corinne Soland, Artikelbild Manuel Hendry

Drei Monate sind seit meiner letzten Kolumne vergangen. Drei Monate, in denen mein Jahr an der Royal Academy zu einem Ende gekommen ist und ich zurückschauen kann – mit einem warmen und weichen Herzen. Wenn ich es zusammenfassen kann, war das wichtigste «Take-away» der Zeit im MA-Lab-Training unter Ian Morgan das «Soft-Sein».

Weich – meinen Umständen gegenüber, die meine Biografie und mich prägen, und gegenüber den Umständen, welche die Figur antrifft, die ich spiele. Soft sein, wach und präsent auf das eingehen zu können, was ist, und wirklich ehrlich zuhören. Aber ich greife vor.

Oktober: Ein Wirbelwind an Monat. Nachdem wir im September unsere Shows unter der Leitung von Emma+pj fertig abgespielt hatten, tauchten wir nach einer 2-wöchigen Pause wieder ins Training ein. Unterrichtet haben uns Henry McGrath in Physical Theatre, Theatre Re in Corporeal Mime und Dan Sherer in Dramaturgie und Schreiben.

Der Schwerpunkt dieses Studiums liegt auf jeden Fall darin, Schauspielende in ihren Fähigkeiten zu entwickeln und in ihrem Handlungsspektrum zu befähigen, eigenständige Arbeit zu kreieren. Dies haben wir durch die Arbeit mit Dan auf eine verspielte Art und Weise mit Ernsthaftigkeit verfolgt. Ich gehe deshalb auf ihn und seinen Unterricht etwas näher ein, weil ich fasziniert bin von seiner Herangehensweise und davon, wie unverfälscht wir auf präzise, nachweisliche Ergebnisse in Form von Szenen oder entwickelten Figuren gekommen sind.

Dan Sherer ist Theaterautor, Regisseur und Schauspiellehrer. Er ist stellvertretender Direktor des Mercury Theatre in Colchester, wo er für neue Werke und die Förderung von Nachwuchstalenten verantwortlich ist. An der RADA unterrichtet Dan vor allem in den Masterstudiengängen. Er ist spezialisiert auf die Stanislavski-Pädagogik und unterrichtet Improvisation, Regie und aktive (szenische) Analyse innerhalb des Stanislavski-Konzepts. Diese aktive szenische Analyse, Active Analysis im Original, haben wir ausserordentlich gründlich erprobt und als Mittel kennengelernt.

Nach dem Lesen und Studieren des Ausgangsmaterials (einem Text, einer Figurenbeschreibung oder einem Bild) werden Fakten gesammelt, die wir als Spielende ganz sicher über das Material und die Charaktere wissen. Danach geht es in Improvisationen darum, Beziehungen zu etablieren, Handlungen zu entwerfen und Dialoge durch das Handeln zu schreiben.

Die Anwesenheit der Figur in den einzelnen «Events» beziehungsweise Situationen war als Ausgangslage ernst zu nehmen – mit all den unterliegenden Strömungen von uns selbst als Personen. Diesem Moment und den Szenenpartner:innen ehrlich zu begegnen, stand im Fokus, und durch diese Begegnung führte er uns hindurch, während wir gleichzeitig ermuntert wurden, mit unseren produzierten Szenen und Werken danach wild zu handwerken: auseinanderzureissen, zu zerstückeln, zu stapeln, zusammenzukleben, zu isolieren und zu verschränken.

Die Szenenfragmente und Erfahrungen, die ich in seinem Unterricht und durch diese Methode gewonnen habe, gehören zu den für mich interessantesten, die ich je kreiert habe und von denen ich Teil sein durfte. Die Arbeit mit Dan hat mich nicht nur daran erinnert, was Spiel genau bedeutet und weshalb es wichtig ist, das zu tun, sondern auch daran, dass wir Erfinder:innen sind, jederzeit. Wir nehmen eine Figur, die eine andere Person geschrieben hat, und erfinden sie neu – mit unserem Körper, unseren Ideen, unserem Sein.

November: Es ging ans Eingemachte. Nach 10 Monaten Arbeiten im Ensemble und in diversen Konstellationen war es nun so weit: Wir würden Gruppen bilden, um unsere Abschlussarbeit zu erarbeiten. Ich war in das Studium hineingekommen mit der Idee, mit einem Solo abzuschliessen.

Doch während das Jahr verging, begriff ich, dass ich hier noch viel mehr lernte: die konstruktive künstlerische Kollaboration. Nach Jahren in der Szene, in der ich mehr oder weniger gute Erfahrungen gemacht hatte, in Kollektiven zu arbeiten, lernte ich durch meine Mitstudierenden endlich, Angst vor Gruppendynamiken abzubauen.

So war es für mich schliesslich klar, dass ich dieses Jahr nicht alleine beenden möchte, sondern in einer Gruppenkonstellation. Da die meisten unseres Jahrgangs sich dennoch für Solos entschieden haben, waren wir nach einigen Gesprächen zuletzt ein Zweier-Team: Pat & Coco.

Wir erarbeiteten in 4 Wochen ein “Work in Progress” Stück mit dem Namen «as above, so below». Es handelt von zwei Wesen, die sich in einem zeitlosen Raum befinden und versuchen, durch alchemistische Prozesse Gold herzustellen. Das ist ihnen bereits einmal gelungen, seitdem allerdings nicht mehr – das, was sie nach einem aufwendigen Produktionsprozess aus dem Eimer ziehen, ist Alufolie.

A und B, die beiden Figuren, die wir erfunden haben, finden nach und nach heraus, weshalb das so ist: A hat Sehnsucht nach dem, was da draussen ist, beginnt, sich an das Davor zu erinnern, und stört dadurch den Produktionsprozess. B möchte, dass alles gleich bleibt, dass das Netz engmaschiger wird, um die begangenen Fehler nicht mehr zu wiederholen. Es ist unumgänglich – eine Trennung steht im Raum. Wie die beiden das navigieren und ob sie sich voneinander lösen, verrate ich hier natürlich nicht. Vielleicht schaffen wir es ja mal in Zukunft, das Stück in die Schweiz zu bringen.

Der Prozess, das Stück zu erarbeiten, war ein organischer. Pat, meine Spielpartnerin, hat ein gutes Auge für Visuelles und kommt aus dem Physical Theatre. Ich bringe viel Sprachgefühl mit und schreibe gerne Texte. Pat koordinierte gerne die Raumplanung, ich die Probezeiten und die Besuche der Mentor:innen. Ich habe das Design der Kommunikation übernommen und eine Collage für das Poster angefertigt. Pat hat sich ausgiebig mit unseren Kostümen befasst und den Look bestimmt.

Die Male, die wir aneinandergeraten sind, waren entweder im künstlerischen Sinne eine Bereicherung, weil so etwas entstanden ist, was wir uns beide vorher nicht vorstellen konnten, oder waren auf einer menschlichen Ebene interessant, um eingespielte Verhaltensweisen zu betrachten und zu besprechen, die in vorherigen Produktionsprozessen bei uns individuell angelernt worden waren.

Es war bereichernd, mit einem Duo-Gspänli eine Welt zu bauen und es ist noch immer inspirierend, diese Welt und ihre Regeln weiterdenken zu können.

Dezember: Gerade sind Pat und ich daran, uns bei diversen Inkubatoren, Residenzen, Kleinkunstförderungen und Festivals zu bewerben, mit dem Ziel, das Stück von 30 auf 45 Minuten verlängern zu können. Dafür treffen wir uns im neuen Jahr für 2–3 Wochen, um das vorhandene Material noch einmal neu denken zu können. Ein Showing haben wir bereits gesichert im Coronet Theater im Juli 2026, nach unserer Abschlussfeier.

Im Dezember, nach unseren 3 Aufführungen, sangen wir als Klasse noch bei der Weihnachtsfeier für die RADA, einem Charity-Anlass, um für die Ausbildung und die Schule Geld zu sammeln. Dort kommt auch das Bild her, das dieses Mal uns alle zeigt, am letzten Tag nach einem Jahr, das uns alle auf jeden Fall für immer verändert hat.

Bei mir hat sich nun tatsächlich nebst meiner beruflichen Tätigkeit in der Schweiz, die ich nach wie vor verfolge, auch der Traum eingestellt, weiter in London freies, unabhängig produziertes «devised theatre» machen zu können. Ich freue mich, euch nächstes Jahr an diversen SzeneSchweiz-Anlässen zu sehen und mich mit euch darüber austauschen zu können.

Ich bedanke mich herzlich für eure Rückmeldungen über das Jahr verteilt zu den verschiedenen Kolumnen, sie haben mich sehr gefreut. Ein tolles 2026 wartet auf euch mit vielen Abenteuern und erfüllenden Kultur- und Unterhaltungsmomenten – ich hoffe, ihr könnt es in vollen Zügen geniessen.

0 Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert