Bühne & Backstage: «Awareness bringt Sicherheit»

Was genau bedeutet «Awareness» im Kulturbetrrieb? Und wie sehen konkrete Massnahmen im Alltag aus? Mit Florence Ruckstuhl vom Südpol Luzern und Raffaela Kolb vom Salzhaus Winterthur sprach Isabelle Jakob.
Text: Isabelle Jakob, Bild: Nadine Nützi, Kooperation m2act

Raffaela, seit wann arbeitet Ihr am Salzhaus Winterthur mit einem Awarenesskonzept und was setzt Ihr für konkrete Massnahmen um? 

Raffaela Kolb: Wir haben am Salzhaus bereits 2021 mit der Awarenessarbeit angefangen und haben mittlerweile ein bezahltes Awarenessteam, das wir als Erweiterung und Ergänzung des Securityteams verstehen. Dadurch haben wir die Awarenessarbeit mittlerweile ins Tagesgeschäft implementiert. Wir machen z. B. mit allen neuen Mitarbeitenden eine obligatorische Schulung zu den Basics der Awarenessarbeit. Wir haben auch schon Workshops zum Thema Geschlechtsidentität, Drogenkonsum oder Antirassismus durchgeführt. Solche Workshops orientieren sich an den Bedürfnissen und Interessen der Mitarbeitenden und sind fakultativ. Alle diese Massnahmen dienen dazu, das Team für verschiedene Arten von Grenzüberschreitungen zu sensibilisieren, die im Nachtleben vorkommen.  

Wie sieht die Awarenessarbeit bei Euch am Südpol in Luzern aus, Florence? 

Florence Ruckstuhl: Bei uns haben alle neuen Mitarbeitenden ein On-Boarding mit Naomi Mathys und mir, wo wir erklären, wie unser Awarenesskonzept am Haus praktiziert wird. Wir haben am Südpol kein fixes Awarenessteam und können uns aus finanziellen Gründen z. B. nicht bei jeder Veranstaltung eine Person leisten, die nur dafür da ist. Deshalb ist bei uns das Personal aus den Bereichen Gastro, Technik und Abendverantwortung geschult, um Awarenessarbeit leisten zu können. Diese Arbeit verstehen wir als eine Art Erste Hilfe. Vertiefungskurse wie bei Euch, Raffaela, sind bei uns angedacht, aber noch nicht realisiert. Wir sind noch vielmehr im Aufbau der ganzen Awarenessarbeit und auch, wie die Position von mir und Naomi genau definiert ist. Da sind wir noch im Prozess. 


Infobox
Der Begriff «Awareness» leitet sich aus dem Englischen «to be aware» ab. Das bedeutet: «Sich bewusst sein, kennen/wissen, sich informieren, für gewisse Problematiken sensibilisiert sein». «Awareness» beschreibt eine Strategie, die sich mit Problematiken im Zusammenhang mit Missachtung von körperlichen, psychischen und persönlichen Grenzen auseinandersetzt und verschiedene Massnahmen bestimmt. Durch Awareness soll ein Weg gefunden werden, um Diskriminierungen und grenzüberschreitendes Verhalten zu benennen und diesem Verhalten aktiv entgegenzutreten. Insbesondere beschreibt ein Awarenesskonzept wie betroffene Personen, unterstützt und begleitet werden.
 


Ihr habt nun beide von Schulungen für Eure Mitarbeitenden erzählt. Wie sind die Reaktionen darauf? 

Raffaela: Wir sind mittlerweile an einem Punkt, wo es selbstverständlich ist. Das liegt daran, dass das Thema Awareness und auch die Schulungen bereits im Anstellungsprozess erwähnt werden. Im bestehenden Team war es aber schon ein Prozess, als wir mit diesem Thema gekommen sind. In der Anfangsphase haben wir da viel Unsicherheit statt Verständnis fürs Thema gestreut, wir waren sicher zu fordernd und zu wenig geduldig mit unseren Kolleg*innen. Das beurteile ich selber im Nachhinein sehr kritisch und würde es heute anders machen. Aber wir hatten damals einfach zu wenig Erfahrung und zu wenig Vorbilder, an denen wir uns hätten orientieren können. 

Florence: Bei uns sind die Reaktionen meistens offen bis neugierig, beim bestehenden Team gab es aber durchaus auch kritische Positionen. Das hat oft gar nicht mit einer konkreten Abneigung zu tun, sondern eher mit mangelndem Vorwissen. Denn wenn man mit Awarenessarbeit anfängt, gehen immer mehr Themenfelder auf. Und man merkt, dass man noch sehr viel nicht weiss. Dass man sich noch über viele Bereiche nicht informiert hat, dass man zu vielen Dingen noch keine eigene Haltung entwickelt hat. Das alles kann zu Unsicherheiten führen. Denn man möchte eine gute Arbeit machen, weiss aber, dass da noch viel auf einem zukommt. Durch diesen Prozess muss man gemeinsam gehen, was auch eine gewisse Fehlerkultur voraussetzt. 

Wie geht Ihr damit um, dass gewisse Personen im Bereich Awareness schon ein grosses Wissen haben, andere jedoch erst am Anfang stehen? 

Raffaela: Das ist eigentlich immer ein Thema und es geht meistens darum einen Mittelweg zu finden. Dieser Mittelweg ist aber trotzdem noch für die einen überfordernd, für die anderen langweilig. Ich arbeite sehr gerne mit der Privilegienblume. Die inneren Blütenblätter stehen dabei für die Bereiche, wo eine Person keine Diskriminierung erfährt. Die grossen für jene Bereiche, wo sie Diskriminierung erfährt. Jede Person kann die für sie zutreffenden Bereiche anmalen und diese Visualisierung macht recht viel mit den Leuten und es hilft auch, miteinander ins Gespräch zu kommen.  

Wie handhabt ihr es bei Euren Künstler*innen? Habt Ihr da auch verpflichtende Schulungen oder Punkte im Vertrag, wo die Awareness thematisiert wird? 

Raffaela: Wir schicken im Booking-Deal einen Ausschnitt aus unserem Awarenesskonzept mit. Es ist gerade ein grosses Thema bei uns, ob es Klauseln gibt, die man in einen Vertrag reinnehmen kann. Das Problem ist, dass man in der Musikbranche eigentlich nicht mit Verträgen arbeitet.  

Florence: Bei uns in den Darstellenden Künsten arbeiten wir zwar mit Verträgen, sie kommen aber meistens zu einem sehr späten Zeitpunkt. Wir versuchen einfach in der Kuration so sorgfältig und sensibel wie möglich zu sein. Dass wir also z. B. Vorhaben, die mit Stereotypen oder diskriminierenden Inhalten arbeiten, nicht kuratieren. Bei Künstler*innen, die bei uns proben, sind wir sowieso nah am Prozess, besuchen viele Proben und haben dadurch auch einen Einblick in das Arbeitsklima der Produktion. 

Raffaela: Wir haben uns auch schon gegen Künstler*innen entschieden, die zwar fürs Haus finanziell lukrativ gewesen wären, deren Haltung aber einfach nicht mit unseren Werten übereinstimmt. 

Ihr widmet Euch beide schon ein paar Jahre dem Thema Awareness. Könnt Ihr erklären, warum sie aus Eurer Sicht so wichtig ist? 

Florence: Awarenessarbeit setzt da an, dass unsere Gesellschaft auf verschiedenen Ebenen durchzogen ist von Gewalt und Diskriminierung. Zuerst müssen diese erkannt werden, erst dann kann darauf reagiert werden. Awarenessarbeit füllt eine Lücke, wo es (noch) keine Institutionen gibt, die sich darum kümmern. Awarenessarbeit ist deshalb eigentlich Care-Arbeit.  

Raffaela : Das würde ich genauso formulieren. Grundsätzlich geht es um Sensibilisierung und um Empowerment. Und ich merke, dass da in den letzten Jahren sehr viel passiert ist, gerade im Nachtleben. Es passieren immer noch Grenzüberschreitungen, aber sie werden mittlerweile als solche erkannt und bezeichnet, das war vor fünfzehn Jahren noch ganz anders. Da war ein Begrapschen einfach normal und wurde nicht mal als Grenzüberschreitung erkannt, sondern einfach geduldet. 

Awarenessarbeit in der Kulturszene ist noch keine Selbstverständlichkeit. Wie würde sich aus Eurer Sicht die Kulturszene verändern, wenn vermehrt so gearbeitet würde wie bei Euch? 

Florence: Es wären sicherere Orte, die für verschiedene Menschen zugänglich sind. Ich finde das auch deshalb wichtig, weil wir zu einem grossen Teil mit öffentlichen Geldern arbeiten, das schafft Verantwortung. Wir haben in den Darstellenden Künsten immer noch Strukturen, die Machtmissbrauch begünstigen.  

Raffaela: Das mit der Verantwortung ist ein wichtiger Punkt und gewisse Personen werden immer noch zu wenig zur Verantwortung gezogen. Awarenessarbeit wird immer noch mehrheitlich von FINTA*-Personen gemacht und es ist sehr strenge Arbeit. 

Florence: Guter Punkt. An Netzwerkanlässen sind es nämlich mehrheitlich FINTA*-Personen, die sich weiterbilden und austauschen. Und da merken wir auch immer wieder selber, dass wir da Fehler machen, weil Naomi und ich dann hingehen, statt ein paar männliche Personen aus unserem Leitungsteam zu schicken.  

Woran liegt es, dass es an grossen Institutionen oft keine konkrete Awarenessarbeit gibt? 

Florence: Es ist sicher einfacher, an kleinen Häusern in diesem Thema tätig zu werden. Ich kenne ja am Südpol jede einzelne Person, ich kann auf alle zugehen, allen individuell Unterstützung anbieten. Das ist an einem Haus mit 200 Mitarbeitenden viel schwieriger. Aber diese Häuser hätten die finanziellen Mittel, also ist es auch eine Frage der Priorität bzw. des Willens.  

Raffaela: Finanzielle Mittel sind sicher ein grosses Thema. Und wenn man sie hat und dann nicht einsetzt, dann macht man meiner Meinung nach etwas falsch. Vielleicht müsste man die öffentliche Hand mehr in Verantwortung ziehen. Awareness könnte zum Beispiel ein Subventionskriterium werden im Sinne von keine Awarenessarbeit, weniger Subvention. Denn dann würde sichtbar, dass das, was wichtig ist, auch gebührend unterstützt wird. 


Florence Ruckstuhl: Arbeitet am Südpol Luzern als Dramaturgin und hat mit Naomi Mathys die Co-Verantwortung für die Awareness.  

Raffaela Kolb: Arbeitet am Salzhaus Winterthur in der Kommunikation und hat mit Sandra Feller die Co-Leitung für das Projekt Soziale Nachhaltigkeit, die Awareness ist Teil davon. 

Dieses Gespräch wurde im Auftrag von Migros-Kulturprozent m2act im Nachgang an das Netzwerktreffen m2act x Helvetiarockt: Awareness, Agency & Accountability in Music and Performing Arts geführt. Raffaela Kolb moderierte den Workshop “Awareness unter uns”, der sich an Personen mit fortgeschrittener Awareness-Erfahrung richtete. Florence Ruckstuhl nahm daran teil.

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