«Verkauf dich nicht unter deinem Wert!»
Muss man sich «verkaufen»? Im allerbesten Licht darstellen? Sogar angeben und übertreiben? Nadine will lieber zu ihren Schwächen stehen – und trotzdem ernst genommen werden.
Von Nadine Hochstrasser
Mich beschäftigt immer wieder dieses diffuse Gefühl, immer noch am Anfang zu stehen – trotz Ausbildung, trotz jahrelanger Erfahrung, und obwohl in mein ganzes Einkommen mit Theaterschaffen verdiene.
Und der Druck, irgendwann „angekommen“ wirken zu müssen, die Frage, wie sehr Sprache dabei mitspielt: wie wir über uns selbst sprechen, wie andere über ihre Arbeit sprechen – und wie schnell daraus Vertrauen oder eben eine stille Abwertung entsteht.
Schon damals experimentierte ich mit dem Thema, das mich bis heute begleitet: sich im besten Licht präsentieren müssen. Hochstapeln, Behaupten, Lügen. Das Druck, sich klarer, sicherer, fertiger zu zeigen, als man sich innerlich gerade fühlt. Und die Angst, dass Ehrlichkeit und das Aussprechen von Unsicherheiten nicht als Reflexion, sondern als Schwäche gelesen werden.
In den letzten Wochen haben mir drei verschiedene Personen, allesamt Männer, unabhängig voneinander denselben Rat gegeben: Nadine, verkaufe dich nicht unter deinem Wert.
Ein Beispiel hat sich besonders festgesetzt: Vor einem Jahr arbeitete ich in einem theaterpädagogischen Projekt an einer Schule, gemeinsam mit sechs weiteren Theaterpädagog*innen. Ich arbeite seit fünf Jahren in diesem Feld, doch in diesem spezifischen Rahmen, in diesem offiziellen Angebot der Stadt, war es mein erstes Projekt. Entsprechend hatte ich Unsicherheiten und Fragen. Wie wird hier gearbeitet? Wie frei ist man? Was hat sich bewährt, was eher nicht? Wie arbeiten die anderen? Also stellte ich diese Fragen um meinen Stress des Nicht-Wissens entgegenzuwirken. Ganz selbstverständlich.
Ein Jahr später, beim Jahresessen des gesamten Teams, sprach mich einer der damaligen Projektkollegen im Verlauf des Abends an: Nadine, eins wollte ich dir schon lange sagen – verkaufe dich nicht unter deinem Wert. Er erzählte mir, dass er mich zu Beginn des Projekts ganz anders wahrgenommen habe als das, was mein Endergebnis schlussendlich gezeigt hätte.
Er sei überrascht gewesen, wie präzise und souverän ich mit den Schüler*innen gearbeitet habe. Die vielen Fragen, die ich im Vorfeld gestellt hatte, hätten mich unsicher wirken lassen. Inkompetent sogar. Obwohl ich durchaus auch «stark» und «taff» rübergekommen sei, hätten diese ausgesprochenen Unsicherheiten sein Bild von mir sehr geprägt. Als er dann das Ergebnis meiner Arbeit sah, sei er regelrecht schockiert gewesen – darüber, dass ich mich zuvor so «verkauft» hatte.
Ich erklärte ihm, dass diese Fragen einfach da waren. Und dass ich mich eigentlich nicht verkaufen müssen möchte, um ernst genommen zu werden. Dass ich wirklich verstehen wollte, wie in diesem Kontext gearbeitet wird. Wie die Strukturen und Abläufe sind.
Natürlich war ich unsicher… Wie soll ich mir sicher sein wenn ich etwas zum ersten Mal mache? Ich fragte mich z.B.: arbeiten die auch so unstrukturiert wie ich? Lustigerweise fand er meine Arbeitsweise ultra strukturiert und vorbereitet .
Ich fragte ihn: Wäre es nicht schön, wenn ich meine Unsicherheiten und Fragen im Team äussern kann, ohne dass meine Kompetenz infrage gestellt wird? Wenn das nicht automatisch als Schwäche gelesen wird? Ich stelle diese Fragen ja genau deshalb meinen Kolleg*innen, damit ich danach selbstbewusst, klar und sicher vor die Klasse treten kann.
Und ja – interessanterweise ist mir hier sehr bewusst, was es mit einem Raum macht, wenn ich Unsicherheiten hineintrage. Vor einer Klasse versuche ich auch automatisch Sicherheit zu vermitteln. Aber im Team? Er stimmte mir zu. Sagte Sätze wie: Du sprichst mir aus dem Herzen.
Und doch blieb dieses Aber. Es habe halt etwas mit ihm gemacht. Er habe mir automatisch weniger zugetraut. Ich habe dafür ehrliches Verständnis. Wirklich. Ich glaube, genau das passiert mir selbst auch – ständig. Jeden Tag aufs Neue. Trotzdem möchte ich fragen – liebe Freund*innen der Sonne: Warum? Warum haben wir diese Empathie nicht füreinander? Warum stecken wir alle unter dieser Hochstapler-, Behauptungs-Gewichtsdecke?
Ein guter Freund von mir, ebenfalls männlich, hat darauf eine klare Antwort: tief verankerte patriarchale Strukturen. Strukturen, in denen Vorsicht, Bescheidenheit und das Aussprechen von Unsicherheiten als Hindernis für Erfolg gelesen werden.
Und nun sitze ich immer noch da mit den gleichen Fragen: Soll ich mir für kommende Projekte eine gesunde Portion hochgestapelter Selbstsicherheit zulegen, um ernst genommen zu werden? Oder muss ich tatsächlich an meinem Selbstwert und Selbstbewusstsein arbeiten? Selbstbewusstsein. Sich seiner selbst bewusst sein. Und dazu gehört für mich eben eigentlich auch, die eigenen Unsicherheiten zu erkennen und einzugestehen. Mir selbst und auch anderen. Damit habe ich, ehrlich gesagt, herzlich wenig Probleme.
Ausser dann, wenn ich deswegen weniger ernst genommen werde.
Dann habe ich ein Problem.



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