Julia Schiwowa – Opernsängerin und Wegbereiterin

Ensemble trifft die selbständige Sängerin Julia Schiwowa zum Interview, und spricht mit ihr darüber, wie sie ihre berufliche Tätigkeit und ihr persönliches Umfeld gekonnt unter einen Hut bringt und dabei feministische Werte vertritt. Sie kommt ursprünglich aus dem Zürcher Seefeld, lebt aber seit vielen Jahren in Thalwil mit ihrem Mann, der als Fotograf arbeitet und ihren zwei Kindern (13 und 11).

Schiwowa hat seit Ende 2019 den mutigen Schritt in die Selbständigkeit gewagt – kurz bevor die Pandemie einsetzte und auch ihr Vorhaben auf den Kopf gestellt hat. Sie war davor in Teilzeit Geschäftsführerin des Singstimmzentrum Zürich in Schlieren. Ursprünglich als klassische Opernsängerin und Sopranistin an der Zürcher Hochschule der Künste und im Schweizer Opernstudio ausgebildet, hat sie sich seit Abschluss ihres Studiums auch immer dem Chanson und anderen Stilrichtungen der Unterhaltungsmusik gewidmet. Diese „zweigleisige“ Laufbahn sei zu ihrem persönlichen Arbeitsstil geworden, so Schiwowa.

Seit 2019 hat sie ein Musiktheaterduo menze&schiwowa mit der Bayerischen Cellistin Lucia Schneider-Menz, mit welcher sie eigene Musiktheaterprogramme schreibt. Im neuen Programm „Wer hätte das gedacht?“ haben sie Musiktheater verdichtet und so treten neben den Künstlerinnen zwei lebensgrossen Klappmaul-Puppen auf. Die Arbeit mit den Puppen hat eine neue künstlerische Ausdrucksweise in ihr Schaffen gebracht. Schiwowa hatte diesen Dezember zudem ihr eigenes Weihnachtsprogramm „Törli uf, Törli zue“ herausgebracht. Daneben singt sie in verschiedenen Opernproduktionen und ist in diversen klassischen Werken zu hören.

Ursprünglich war nicht geplant, dass sie diese unterschiedlichen Stimmrichtungen in ihrer beruflichen Karriere vereint, da dies auch stimmtechnische Herausforderungen mit sich bringt.

Julia Schiwowa, Opernsängerin

Ursprünglich war nicht geplant, dass sie diese unterschiedlichen Stimmrichtungen in ihrer beruflichen Karriere vereint, da dies auch stimmtechnische Herausforderungen mit sich bringt. Sie muss stets ihre Stimmmuskulatur umtrainieren zwischen den Auftritten verschiedener Stile – „Das ist am ehesten mit einer Sportlerin zu vergleichen, die mehrere Sportarten gleichzeitig betreibt“, sagt Schiwowa und lacht. Als Sopranistin singt sie beispielsweise ungefähr eine Oktave höher als bei den Chansons, ausserdem benutzt sie dort mehrheitlich ihre Bruststimme, in der Klassik hingegen fast nie. Ihre Erfahrung damit kann sie im Rahmen ihrer Arbeit am Singstimmzentrum mit anderen Singenden teilen. Dort werden Leute mit Stimmproblemen betreut.

Damals während der Pandemie wollte sie aktiv etwas tun und ihre Leidenschaft einsetzen, hätte aber nie gedacht, dass online ein solches Gemeinschaftsgefühl entstehen würde.

Im Lockdown kam bei Julia Schiwowa Panik auf, da Singen und somit ihr Beruf auf einmal verboten war. Aus der spontanen Idee eines täglichen Einsingens mittels eines Live-Streams auf Youtube begann die Geschichte von „Einsingen um 9“. Am 23. März 2020 ging sie mit ihrer Sängerkollegin Barbara Böhi damit online – aus der Idee wurde ein Run! Am 3. Tag waren über 1000 Leute live dabei. Seither ist kein einziger Tag vergangen, an dem nicht gemeinsam auf Youtube eingesungen wurde. Am 17. Dezember 2022 kam nun die 1000. Folge heraus. Alle Folgen sind online verfügbar und werden fast alle live gestreamt. Sie beinhalten 35 Minuten Einsingen, verschiedene Stimme und Körperübungen und danach noch ein einfaches Lied oder einen Kanon. Für Schiwowa war und ist „Einsingen um 9“ sehr sinnstiftend, damit können die mittlerweile vier EinsängerInnen vielen singfreudigen Menschen einen positiven musikalischen Start in den Tag zu ermöglichen, ihnen Struktur schenken und auch oftmals ein wenig die Einsamkeit mindern.

Es geht immer darum, gemeinsam etwas singend etwas zu erschaffen, es wird nicht nur konsumiert.

Damals während der Pandemie wollte sie aktiv etwas tun und ihre Leidenschaft einsetzen, hätte aber nie gedacht, dass online ein solches Gemeinschaftsgefühl entstehen würde. Gekrönt wurde dieses mit zwei Mitsing-Events im 2022, die im Volkshaus Zürich (Das Grosse Singen) und im offenen St. Jakob (Das Grosse Weihnachtssingen) stattfanden. Zweimal waren die Säle gefüllt, die Leute sind sogar aus Deutschland angereist, um gemeinsam einzusingen. „Es geht immer darum, gemeinsam etwas singend etwas zu erschaffen, es wird nicht nur konsumiert“, meint Schiwowa. Schiwowa, die ihren Sohn gleich nach dem Studium bekam, hatte gesellschaftlich quasi „alles falsch gemacht“. So bekam sie entsprechend auch kaum Mutterschaftsgeld und sie hatte latent das Gefühl, immer alles „trotzdem“ zu tun, trotz Systemen, in die sie einfach nie hineinpasste. Dank ihren eigenen Projekten hat sie sich über die Jahre ihre Musikwelt erschaffen und kann davon als selbständige Künstlerin mit Familie leben.

Zur Berufssituation für Frauen sagt sie „Wir sind noch nirgends!“ – vieles sei noch unterschwellig an Ungleichheiten vorhanden und es gebe deshalb einen triftigen Grund, warum sie ihren eigenen Weg gegangen ist und eigene Konstellationen aufgebaut hat.

Das sei eher der „harte“ Weg, den sie seit 15 Jahren geht. Aber mittlerweile ist sie sehr dankbar, dass sie diesen Weg so gegangen ist, denn heute hat sie überall tolle Teams mit hervorragenden Leuten, pflegt mit ihnen eine funktionierende offene Kommunikation und einen respektvollen Umgang. Was will man mehr? Zur Berufssituation für Frauen sagt sie „Wir sind noch nirgends!“ – vieles sei noch unterschwellig an Ungleichheiten vorhanden und es gebe deshalb einen triftigen Grund, warum sie ihren eigenen Weg gegangen ist und eigene Konstellationen aufgebaut hat. Es wäre schön, sich auszutauschen unter Führungsfrauen im Musikbusiness, Frauen, die Bands leiten oder auch Touren organisieren und durchführen. Denn es gibt wenige, die alles gleichzeitig machen.

Ensemble Magazin bedankt sich bei Julia Schiwowa für das inspirierende Gespräch und ist beeindruckt von ihrem mutigen Weg, den sie geht!

Neue Meldungen schweizweit: Kulturprekariat und Stellenmeldepflicht

Im Bericht „Reiche Chefs, arme Tänzerinnen“ im Bund (19. November 2022) werden die Löhne in der Kulturbranche angesprochen. In der Berner Kulturbranche sind erstmals die Jahressaläre von Direktorinnen und Intendanten öffentlich. Die grosse Frage: Sind diese gerechtfertigt?

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Warum die Löhne der Kulturspitze schweizweit nicht öffentlich sind, obwohl die Institutionen Subventionen in Millionenhöhe beziehen, hat laut Salva Leutenegger vom Berufsverband der darstellenden Künste SzeneSchweiz unter anderem politische Gründe. Da die Beiträge an die Kultur von bürgerlicher Seite regelmässig kritisiert werden, seien die Subventionsgeber unter Druck. «Die Löhne werden wohl auch deshalb unter Verschluss gehalten.»

«Branchenüblich» – wer die grossen Kulturinstitutionen in Bern zu den Löhnen ihrer Chefs und Chefinnen befragt, erhält ohne Ausnahme dieses Wort als Antwort. Zusammen mit: «Der Lohn ist angemessen.»

Salva Leutenegger, Verband der darstellenden Künste SzeneSchweiz

Kritik kommt aber häufig nicht bezüglich der höchsten Löhne. Sondern vor allem bezüglich der niedrigsten – und der grösser werdenden Lohnschere. Aktuell betragen die Mindestgagen für Festangestellte bei Bühnen Bern etwa für eine 100-Prozent-Stelle 54’600 Franken.

Vielfach müssen Kulturschaffende aber mit deutlich weniger auskommen: So haben sechs von zehn ein Gesamteinkommen von weniger als 40’000 Franken im Jahr – bei einer durchschnittlichen Wochenarbeitszeit von 45 Stunden, so eine Studie. Vielen drohe die Altersarmut. Dafür befragte das Forschungsbüro Ecoplan im Auftrag des Vereins Suisseculture Sociale und der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia rund 10 Prozent aller Kulturschaffenden in der Schweiz. Auffallend wenig, sagt Salva Leutenegger vom Berufsverband der darstellenden Künste, verdienen Tänzerinnen und Tänzer.

Was in der darstellenden Kunst besonders wichtig sei: «Schafft es ein Haus, eine bekannte Person anzustellen, kriegt es nachweislich mehr Publikum, mehr Aufmerksamkeit, mehr Erfolg.»

Salva Leutenegger, Berfusverband der darstellenden Künste SzeneSchweiz

Als Hauptgrund, dass die grossen Häuser verhältnismässig tiefe Mindestlöhne zahlen, werde oft die Höhe der Subventionsbeiträge genannt, so Leutenegger – man müsse mit den Geldern arbeiten, die man erhalte.

Lange waren die Löhne bei den Kulturhäusern unter Verschluss, seit diesem Jahr gelten aber im Kanton Bern neue Richtlinien für öffentlich finanzierte Betriebe: Die Vergütungen in den Chefetagen müssen transparent gemachtwerden. Zu den grossen Institutionen, die diese nun ausweisen, gehören Bühnen Bern (220’000 Franken für Intendant Florian Scholz), das Kunstmuseum Bern mit dem Zentrum Paul Klee (248’000 Franken für Direktorin Nina Zimmer) und das Historische Museum (206’700 Franken für Direktor Thomas Pauli-Gabi).

Fairerweise müsste man alle Löhne und Honorare prüfen, die mit öffentlichen Geldern finanziertwerden. «Es kann nicht sein, dass man die Lohnhöhen in der Kultur beschränkt, aber in den anderen Bereichen keine Limiten setzt.»

Sandra Künzi, Co-Präsidentin von t. Theaterschaffen Schweiz

 

Seit April 2020, meldet SRF (16. November 2022), verteile Suisseculture Sociale Corona-Nothilfen an Künstlerinnen und Künstler – leider endet nun diese Unterstützung.

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Die Trägerin des Sozialfonds des Dachverbands der Schweizer Kulturverbände hat bislang insgesamt 32 Millionen Franken ausbezahlt. Per Ende Jahr ist Schluss damit. Viele Kulturschaffende sehen sich deshalb in einer schwierigen Lage.

Nicht nur die wirtschaftliche Lage ist prekär, sondern auch die psychische.

Nicole Pfister Fetz, Präsidentin von Suisseculture Sociale

Die atypischen Arbeitsverhältnisse der Kulturschaffenden müsse man sich genauer anschauen und prüfen, wie man die Menschen in Zukunft optimal unterstützen könne. Diese Unterstützung muss den komplexen Arbeitsverhältnissen in der Kulturbranche gerecht werden.

 

Ein Drittel der offenen Stellen werde von Firmen gar nicht angezeigt, schreibt die NZZ (16.11.2022). Der Beruf mit der höchsten Arbeitslosenquote in der Schweiz ist derzeit jener des Schauspielers.

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Auf der Liste stehen alle Berufe, die eine Arbeitslosenquote von über 5 Prozent aufweisen. Wenn Firmen Mitarbeitende in einer der aufgelisteten Berufsarten suchen, müssen sie die offenen Stellen einem Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) melden. Mit der Liste soll das Potenzial derinländischen Arbeitskräfte besser genutzt werden, ohne das Freizügigkeitsabkommen mit der EU zu gefährden. Die Stellenmeldepflicht besteht seit Juli 2018 und ist eine Antwort auf die Annahme der Initiative «Gegen Masseneinwanderung».

Zur Relevanz der Stellenmeldepflicht für Schauspieler sagt Silvan Gisler, Creative Director des Schauspielhauses Zürich:

Schauspiel ist ein Bereich, wo zum einen über Jahre gewachsene Arbeits- und Vertrauensbeziehungen zwischen Regie und Schauspielerinnen und Schauspielern sehr wichtig sind und zum anderen auch stets sehr spezifische Vorstellungen und damit auch Anforderungsprofile vorhanden sind.

Silvan Gisler, Creative Director des Schauspielhauses Zürich

Schauspieler seien schlecht untereinander ersetzbar, da jede Person ein eigenständiges künstlerisches Profil habe. Insofern sei aus künstlerischer Sicht die Stellenmeldepflicht zwar von geringer Relevanz – aber Teil der Gesetzgebung und des Vorgangs, den es zu respektieren gelte.

 

Intimitätskoordination – ein Berufszweig auf der Überholspur

Gemäss der ersten zertifizierten Intimacy Coordinator Julia Effertz, unterstützt diese Berufsfeld den Entstehungs-Prozess intimer Szenen von der Vorbereitung, über den Dreh bis hin zur Post-Produktion.

Die Regie wird bei der Umsetzung ihrer kreativen Vision massgeblich durch den Intimacy Coordinator unterstützt und diese*r stellt sicher, dass Inhalte einvernehmlich entstehen und die Grenzen der Schauspieler*innen respektiert werden. Produktionen die mit Intimacy Coordination arbeiten verstehen die spezielle Schwierigkeit intimer Szenen und tragen Fürsorge für Cast und Crew.

Die Redaktion von Ensemble Magazin hat einen Medienspiegel für Sie zusammengestellt, der das Berufsfeld eingehender behandelt.

„Intimität fängt schon bei Kussszenen an. Jeder Kuss erzählt eine andere Geschichte, ist eine intime Berührung. Was auch sehr intim sein kann, ist eine Szene, in der eine Schauspielerin eine gebärende Frau spielt. Das ist mitunter sehr exponierend für die Schauspielerin.“

Julia Effertz, deutsche Intimitätskoordinatorin im Interview mit Edition F

Julia Effertz ist Schauspielerin und Intimitätskoordinatorin – im Interview mit Edition F spricht sie über diesen neuen Berufszweig, warum er so wichtig für die Filmbranche ist und wozu beispielsweise Genitaltaschen genutzt werden. Effertz sorgt bei den Probesituationen dafür, dass die Grenzen von Schauspieler*innen beim Drehen intimer Szenen eingehalten werden und erklärt im Interview, wo die Schwierigkeiten hierfür liegen. Ein kleiner Auszug:

Wie bei jeder intimen Szene arbeite ich mit der Schauspielerin körperlich, stimmlich und emotional. Das Ziel ist auch hier, daß ihr privater Körper geschützt ist und sie mit ihrem Körper die Rolle und ihre Geschichte erzählen kann. Ich sorge dafür, wie auch bei anderen intimen Szenen, dass es der Schauspielerin am Set gut geht, dass sie etwa zwischen den Takes nicht entblößt daliegt, sondern dass ihr sofort nach dem ‘Danke’ der Bademantel gereicht wird. Im Idealfall sollte auch hier  ein ,Closed Set’-Protokoll mit minimaler Crew eingehalten werden.

und

„Ein choreografisches Hilfsmittel ist das ,Anchoring’, also die Bewegung über ,Anker’ anderer Körperstellen. Das kann man sich zum Beispiel so vorstellen: klassische Missionarsstellung, der Mann liegt über der Frau. Die Genitalbereiche berühren sich hierbei nicht, sondern der Schauspieler ankert seinen Oberschenkel an dem seiner Szenenpartnerin. Stoßbewegungen können dann über diese Ankerstelle ausgeführt werden. Je nachdem wie viel Nacktheit vereinbart ist, wird mit verschiedenen Kostümen gearbeitet. Das wären hautfarbene Slips oder sogenannte Genitaltaschen für Männer, in denen sie alles gut verpacken können.“

Es erschien ein weiterer Artikel über die Arbeit von Julia Effertz mit dem Titel „Ich bin nicht die Sexpolizei“ im Onlinemagazin ze.tt.

Einen kurzen Einblick in die Thematik gewährt das Format „100 Sekunden“ von SRF als Podcast. Er greift das Prinzip der fünf C’s auf, das auf den Punkt bringt, wie eine Intime Szene aufgebaut sein muss.

Mein privater Körper war durch die Intimitätskoordination völlig geschützt, mein Schauspielkörper füllte die Rolle ganz aus. Da habe ich verstanden: die Intimitätskoordination funktioniert. Sie sichert mich nicht nur ab, sie eröffnet mir auch absolute künstlerische Freiheiten.“

Julia Effertz

Eine weitere wichtige Intimitätskoordinatorin ist die junge Kalifornierin Amanda Blumenthal, die in den USA und Grossbritannien «Euphoria», «The L-Word» und «The Affair» begleitet. Sie sei als Sex- und Beziehungscoach tätig gewesen, als sie von der Stellenanzeige bei HBO hörte, erklärt sie im Interview mit der Annabelle.

Im Interview antwortet sie auf die Frage, ob sie viele Geschichten von Missbrauch am Set höre, folgendermassen:

„Allerdings, und es sind manchmal sehr extreme Geschichten: Von Regisseuren, die alle nachhause schicken, um ungestört die Hauptdarstellerin vergewaltigen zu können. Von Schauspielern, die während des Drehs backstage Sex haben. Von verbalen Entgleisungen nach dem Motto «Zeig mir deine Titten». Der Böse ist nicht immer der Regisseur, Übergriffe finden auch zwischen Setmitarbeitern oder Schauspielerkollegen statt.

Blumenthal spricht ausserdem darüber, dass auch das Erleben des Aggressors bei einer gewaltsamen Sexszene verstärkt thematisiert und mentoriert werden müsse, wie auch alle anderen Beteiligten, die dem Dreh beiwohnen und von den psychischen Herausforderungen einer solchen Szene betroffen sind.

Seit #MeToo herrscht unter den Männern grosse Nervosität. Viele haben Angst, sich falsch zu benehmen. Sie erkennen meist, dass wir dazu da sind, ihnen unangenehme Diskussionen abzunehmen, zu klären, wer sich wo anfassen darf und wie genau man sich küsst. Es verleiht Sicherheit, so eine vermittelnde, neutrale Person mit an Bord zu haben.

Amanda Blumenthal im Interview mit  Annabelle

Auf ihrer eigens für die Thematik kreierten Website „Intimacy professionals association“ teilt sie als führende internationale Organisation ihr Wissen mit Interessierten. Darunter ist eine Auflistung zu den wichtigsten Dienstleistungen eines Intimacy Coordinators zu finden:

  • Erleichterung des Dialogs zwischen den Schauspielern und dem Regisseur über ihr Wohlbefinden in Bezug auf den intimen Inhalt einer Szene
  • Emotionale Vorbereitung der Schauspieler auf intensive Intimitätsszenen, wie z. B. simulierte sexuelle Übergriffe, und Unterstützung während des gesamten Prozesses sowie emotionale Nachbetreuung, falls erforderlich
  • Sicherstellen, dass während des Drehs einer Szene die Grenzen der Schauspieler nicht überschritten werden und dass sie während des gesamten Drehs sowohl körperlich als auch emotional sicher bleiben
  • Bereitstellung einer sicheren Umgebung, in der die Schauspieler ihre Arbeit verrichten können
  • Sicherstellen, dass die Richtlinien für geschlossene Sets und SAG-Nacktheit eingehalten werden
  • Als Fürsprecher und Verbündeter für LGBTQIA+-Darsteller am Set fungieren
  • Choreografieren von simulierten Sexszenen, um die Glaubwürdigkeit zu erhöhen
  • Koordination mit Abteilungen wie Kostümen und Make-up, um sicherzustellen, dass die Schauspieler mit angemessener Nacktheitskleidung, Barrieren und Prothesen ausgestattet sind

Weitere statistische Informationen, als auch weiterführende Informationen zur Ausbildungsmöglichkeit in Deutschland, erteilt das „kmbk“ – Beratung und Netzwerk für Künstler*innen, Kreative, Kultur- und Medienschaffende aus München.

In Wirklichkeit ist gar nichts spontan oder sexy. Sexszenen sind harte Arbeit, physisch und psychisch.

Amanda Blumenthal

 

Massive Vorwürfe an die Ballettschule Theater Basel

Fortsetzung Medienspiegel vom 30. September 2022: In Kooperation mit der „NZZ am Sonntag“ hat das Online Magazin „Bajour“ aus Basel eine umfangreiche Recherche zur Thematik publiziert, die auf Interviews mit 33 Tänzerinnen basiert. Trotz jahrelangem Missbrauch hat die Basler Behörde bis anhin wenig unternommen. Die Leitung der Schule streiten die Vorwürfe vehement ab. Darunter waren erschütternde Stimmen der Tänzerinnen wie diese:

«Als eine Mitschülerin völlig abgemagert ins Spital eingeliefert und an die Sonde angeschlossen werden musste, rüttelte uns das durch. Wir waren zu jung, um das mit den Methoden der Schule in Verbindung zu bringen, für uns war die Botschaft: So dünn müssen wir also werden, um der Direktorin zu gefallen.»

Julie Diethelm, Schülerin an der BTB

oder diese:

«Ich weinte regelmässig und hoffte, man würde uns helfen. Aber niemand setzte sich für uns ein. Es schien, als hätten sie alle eine stillschweigende Vereinbarung getroffen: Was hier läuft, mag hart sein, aber nötig. Man brach uns, und alle schauten zu.»

Madison Devietti

Aktuell will die Ballettschule Theater Basel  eine unabhängige Untersuchung in Auftrag geben und sich wheren, was in einer Mitteilung auf Bajour heute bekannt gegeben wurde. Dies nachdem Bajour und die «NZZ am Sonntag» Vorwürfe von Schüler*innen publik machten, die von jahrelangem Missbrauch berichten.

In den Gesprächen, die Bajour und die «NZZ am Sonntag» mit den 33 Schüler*innen führten, werden der Schule Demütigungen im Unterricht, systematische Beschimpfungen und Mobbing vorgeworfen. Die meisten Frauen sollen während der Zeit an der BTB keine Menstruation gehabt, eine 1,69 Meter grosse Studentin noch 36 Kilo gewogen haben. Panikattacken, Essstörungen, Ermüdungsbrüche sollen die Folge gewesen sein. Neben den Gesprächen haben wir zahlreiche Krankenakten, Mails und Textnachrichten ausgewertet.

Bajour, Online Magazin

Es sei nicht die erste öffentliche Diskussion über die Ausbildung von Balletttänzer*innen in der Schweiz. Lange Zeit hätten die Spitzensportler*innen als Symbol für Eleganz und Perfektion, wenn sie anmutig Pirouetten drehen und scheinbar mühelos auf Zehenspitzen über die Bühne gleiten. Doch das System, das Balletttänzer*innen hervorbringt, steht immer öfter unter Kritik. Diesen Sommer machte Die Zeit Anschuldigungen publik, dass an der Zürcher Tanz Akademie (TAZ) ein System der Angst herrsche.

Wichtig: Die Mitgliedschaft bei SzeneSchweiz ist währen der Ausbildung gratis und auf der Website gibt es eine anonyme Meldeplattform, die jederzeit genutzt werden kann.

Kommentar AHV21: Die Lüge von der Gleichstellung

Gleiche Rechte, gleiche Pflichten – so argumentieren die Befürworter der AHV-Reform bei der Erhöhung des Rentenalters für Frauen. Das wirkt auf den ersten Blick ja eigentlich logisch.

Wenn du aber dein Leben lang im Durchschnitt mindestens 10 Prozent weniger verdient hast als das andere Geschlecht, wohlgemerkt bei gleicher Anstellung und gleicher Ausbildung, wenn du dazu noch den grössten Teil der Care-Arbeit für Kinder, pflegebedürftige Eltern oder andere Angehörige geleistet hast, unbezahlt natürlich, dann bist du mit 99 prozentiger Sicherheit eine Frau. Wenn deine Rente aufgrund deiner Biografie ein Viertel tiefer ist als der Durchschnitt der Männerrenten, bist du eine Frau. Wenn deine zusätzliche Absicherung, also deine 3. Säule, schwächer ist als im Durchschnitt der Bevölkerung, weil du wegen Familie und fehlenden Teilzeitangeboten weniger einzahlen konntest, bist du ganz sicher eine Frau.

In den darstellenden Berufen siehts sogar noch etwas übler aus. Laut einer Studie des SSFV (Schweizer Syndikat Film & Video) beträgt der Gender Pay Gap bei Schauspielerinnen ganze 23 Prozent.  (Hier zu den zusammengefassten Ergebnissen der Studie).

Die Befürworter der AHV-Reform, über die wir  abstimmen, argumentieren mit einem Vorgehen gegen ein „veraltetes Rollenbild“:

Zitat:
Das Referenzalter der Frauen wird an jenes der Männer angepasst. Dadurch kann das System, welches sich auf ein veraltetes Rollenbild stützt, modernisiert werden. Die Anpassung des Referenzalters erfolgt schrittweise und bringt der ersten Säule jährlich rund 1,4 Milliarden Franken 2032 ein.

Das wäre ja löblich, wenns nicht einfach, sorry, Bullshizzle wär.  Die AHV 21 erhöht die Pflichten der Frauen, ohne die empirisch bestehenden Nachteile zu berücksichtigen. Wir können gerne über eine Erhöhung des Rentenalters für Frauen verhandeln, wenn sie vor diesem Rentenalter, in ihren ganzen Leben, auch gleichwertig behandelt wurden und verdient haben. Das Pseudo-Argument der „veralteten Rollenbildern“ zieht erst, wenn wir vor den Pflichten auch die Rechte angeglichen haben, sonst sind Frauen doppelt benachteiligt.

Um es in Zahlen zu verdeutlichen: Frauen erhalten bereits heute ein Drittel weniger Rente als Männer. Mit AHV 21 soll auf ihre Kosten gespart werden. Damit verlieren die Frauen zusätzlich ein Jahr AHV-Rente – das bedeutet rund 26’000 Franken weniger Einkommen im Alter. Nachdem Frauen durch Benachteiligung bei den Salären und durch unbezahlte Care-Arbeit bereits jetzt schon bestraft werden, würde die AHV 21 diese Situation noch verschlimmern.

Da bleibt einem die Aussage zu „veralteten Rollenbildern“ der Befürworter im Halse stecken. Das Perfide daran ist, dass es sich auf den ersten Blick durchaus logisch anhört. Und viele werden dann auch nicht weiter darüber nachdenken.  Ich hoffe, ihr tut das und erklärt es eurem Umfeld.

 

Medienmitteilung Taskforce Culture (D/I/F)

Medienmitteilung der Taskforce Culture vom 17. Juni 2022

Zum Ende der Sommersession: Ein Ausblick auf die Herausforderungen im Kultursektor

Am 17. Juni geht die Sommersession zu Ende, ohne dass die nach wie vor spürbaren Auswirkungen der Pandemie auf die Kultur traktandiert waren. Bereits Ende Juni laufen die Ausfallentschädigungen für Kulturschaffende und Kulturunternehmen, die Finanzhilfen für Kulturvereine im Laienbereich sowie der Corona-Erwerbsersatz aus: mit Blick auf die nach wie vor noch nicht wieder erreichte Normalität im Kultursektor ein fragwürdiges Signal. Die noch bis Ende Jahr laufende Nothilfe von Suisseculture Sociale und die Unterstützung von Transformationsprojekten können die weiterhin angespannte Situation nicht vollständig ausgleichen. Der Schutzschirm für Publikumsanlässe wurde zwar bis Ende Jahr verlängert, die Verordnung wird aber nicht von allen Kantonen umgesetzt.

 

Comunicato stampa di Taskforce Culture del 17 giugno 2022

Termina la sessione estiva: uno sguardo alle sfide del settore culturale

Il 17 giugno si concluderà la sessione parlamentare estiva, ma dal suo ordine del giorno sono mancati gli effetti ancora evidenti della pandemia sul mondo della cultura. Alla fine di giugno i sostegni per gli operatori e le imprese culturali, gli aiuti finanziari per le associazioni amatoriali e l’IPG Corona verranno a decadere: un segnale discutibile se si considera che, nel settore culturale, si è ancora lontani dal ritorno alla normalità. Fino alla fine dell’anno si potrà ancora contare sugli Aiuti di emergenza erogati da Suisseculture Sociale e sul sostegno ai Progetti di ristrutturazione, tuttavia queste misure non possono, da sole, compensare del tutto la crisi che attanaglia il settore. Anche lo scudo protettivo è stato prorogato fino alla fine dell’anno, ma la direttiva non viene applicata in tutti i cantoni.

 

Communiqué de presse de la Taskforce Culture du 17 juin 2022

Aperçu des défis du secteur culturel à la fin de la session d’été

La session d’été s’est achevée le 17 juin sans que les effets, toujours perceptibles, de la pandémie sur la culture aient été mis à l’ordre du jour. Dès la fin du mois de juin, les indemnisations pour perte financière pour les artistes et les entreprises culturelles, les aides financières pour les associations culturelles amateurs, et l’allocation perte de gain sont supprimées : au vu de la situation qui n’est toujours pas revenue à la normale, c’est un mauvais signal. L’aide d’urgence de Suisseculture Sociale et le soutien des projets de transformation, qui restent en cours jusqu’à la fin de l’année, ne peuvent pas compenser entièrement la situation toujours tendue. De même, alors que le parapluie de protection a été prolongé jusqu’à la fin de l’année, tous les cantons n’appliquent pas l’ordonnance.

 

 

Bessere Löhne statt höheres Rentenalter!

Warum gibt es die Frauen-Rentenlücke? Die tieferen Löhne, Teilzeitpensen und unbezahlte Pflege- und Care-Arbeit führen zur heute skandalös schlechten Rentensituation der Frauen. Obwohl auch Frauen ihr Leben lang arbeiten, beziehen sie im Alter oft viel zu tiefe Renten. Das muss sich ändern!

Wir sagen NEIN zu AHV 21

Das Komitee der Frauenrente äussert sich dazu folgdendermassen: „Trotz riesigem feministischem Engagement hat das Parlament mit AHV 21 eine einseitige Abbauvorlage auf Kosten der Frauen beschlossen. Ein Jahr länger arbeiten, ohne auch nur einen Schritt in Richtung Gleichstellung oder Lohngleichheit zu tun. Nicht mit uns! Der Aufschrei gegen diese ungerechte Abbauvorlage war gross. Appell, Demonstration und zuletzt das Referendum, das wir mit dreimal mehr Unterschriften als nötig eingereicht haben. Am 25. September stimmen wir darüber ab und sagen NEIN zu AHV 21, denn: 

Es werden 7 Milliarden einseitig bei den Frauen eingespart! 

Die Renten der Frauen reichen schon heute nur knapp zum Leben! 

AHV 21 ist nur der erste Schritt : Bundesrat und Parlament planen schon Rentenalter 67 für alle! 

 

Alle Infos zu AHV 21 und Möglichkeiten, sich zu wehren hier.

 

Aktuelles zu Machtmissbrauch an Institutionen

Bühne und Missbrauch haben eine lange, geteilte Geschichte. Die Ursachen können sowohl einfach Leistungswah oder aber eine stalinistische Hierarchie sein. In den aktuellen Fällen scheinen sich diese beiden Sachen zu mischen. Eine Übersicht.

Nach wie vor ist Machtmissbrauch und Übergriffe am Arbeitsplatz in den darstellenden Künsten eine hochaktuelle Thematik. Hierzu empfehlen wir den SRF-Beitrag „Du siehst aus wie ein tanzender Hamburger“ über die Tanzakademie Zürich, die unter dem Dach der ZHDK unterrichtet, vom 2. Juni und zusätzlich den persönlichen Beitrag der deutschen Schauspielerin Mareile Blendl mit dem Titel „Herr Peymann, nehmen Sie das zurück! Eine Intendantenbeschimpfung“, in dem anschaulich ein Fall beschrieben wird.

 

Übers eigene Gärtli hinaus – Gemeinsam etwas erreichen

(bg) Seit Anbeginn der Pandemie setzt sie sich für einen Dialog zwischen Bund und dem Kultur- und Veranstaltungssektor ein und wurde zur wichtigsten Instanz für Kulturschaffende und -verbände: Die Taskforce Culture.

Ein schwieriges Jahr liegt hinter uns. Auch wenn wir erste Lockerungsschritte gehen konnten, sind wir gerade auch in der Kultur- und Eventbranche noch meilenweit entfernt von einer Realität, wie wir sie vor Corona kannten. Ungern erinnern wir uns an den Tag, als der Bundesrat mit einem Veranstaltungsverbot unsere Pläne und Lebensinhalte zerstörte. 280 Millionen Franken sollten dessen wirtschaftliche Auswirkungen auf den Kultursektor vorerst abfedern – unbürokratisch, gezielt und rasch.

280 Millionen Franken und jede Menge Fragen

Leider sah für viele die Realität anders aus und für Verbände, Kulturinstitutionen und Künstler und Künstlerinnen blieben existenzielle Fragen offen: Wer soll die Ausfallentschädigung einfordern? Der Veranstalter, die Künstlerin, die Agentur oder alle? Welche Aufwände können bei Veranstaltungen als finanzieller Schaden geltend gemacht werden? Sind die Gagen der Künstler und Künstlerinnen darin enthalten? Können auch weggefallene Engagements im Ausland abgerechnet werden? Wie wird mit Engagements in Verhandlung umgegangen, welche aufgrund des Verbots nicht abgeschlossen wurden? Wie erfolgt der Einbezug der Laienverbände durch das BAK, wie stellt das BAK sicher, dass man alle Bereiche der Laienkultur einbezieht? …

Austausch und Intervention

Angesichts dieser vielen Fragen, dem Bedürfnis nach Austausch und Intervention, bildete sich die verbandsübergreifende Taskforce Culture (ursprünglich Taskforce „Corona Massnahmen Kultur“). Sie vermittelt zwischen den zuständigen Verwaltungseinheiten und dem Kultur- und Veranstaltungssektor. Aktuell sind die fünf Dachverbände Suisseculture, Suisseculture Sociale, Cultura, Schweizer Musikrat und Cinesuisse sowie 37 weitere Vertreterinnen und Vertreter von Kulturverbänden in der Taskforce aktiv vertreten.

Ohne TFC total aufgeschmissen

„SzeneSchweiz“ ist nicht direkt in der TFC vertreten. „Damals ist alles dermassen explodiert, dass bei uns alle beschäftigt waren mit Feuerlöschen, Trösten und Beraten, dass sich da niemand gefunden hat, der Zeit hatte und extern noch ehrenamtlich den Verband hätte vertreten können“, sagt die Geschäftleiterin von „SzeneSchweiz“, Salva Leutenegger. „Wir waren froh, dass man uns aber stets direkt informiert hat – das war eine sensationelle Zusammenarbeit. Ohne die Beratung der Taskforce Culture wären wir total aufgeschmissen gewesen. „Die Taskforce Culture sei nicht nur aus Sicht der Verbände an der Front unabdingbar gewesen, sie sei innert Kürze auch zu etwas vom Wichtigsten für alle Kulturschaffenden geworden.“

„Ensemble“ hat sich mit den beiden Taskforce-Culture-Mitbegründerinnen Nina Rindlisbacher (SMR – Schweizer Musikrat) und Sandra Künzi (t. -Theaterschaffende Schweiz) unterhalten.

SANDRA KÜNZI lebt und arbeitet in Bern. Sie gehört zur ersten Generation des Schweizer Poetry Slams. Heute schreibt sie für Bühne, Radio und Papier. 2008 war sie Literaturstipendiatin der Stadt Bern in Glasgow, 2011 wurde ihr Theaterstück „Jazzy“ aufgeführt, 2013 erschien ihr erstes Buch „Mikronowellen“, 2014 erhielt sie die Auszeichnung „Weiterschreiben“ der Stadt Bern und 2017 ein Schreibstipendium des Kantons Bern für ihre Erzählung „Die Hülle“. Sie ist die Präsidentin des Verbandes t. theaterschaffende Schweiz und Mitglied der Task Force Culture, die sich seit Beginn der Corona-Krise für die Kulturszene einsetzt.

NINA RINDLISBACHER ist ausgebildete Pflegefachfrau und Juristin. Sie arbeitete zunächst im Gesundheitswesen und war dann mehrere Jahre als Juristin tätig, u.a. an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Fribourg. Nebenberuflich engagierte sie sich seit jeher im Kulturbereich. Sie arbeitete für Film- und Musikfestivals sowie für einen Konzertveranstalter in Bern. Sie spielt Querflöte und Piano und wirkte als Instrumentalistin und Sängerin im Verlaufe der Jahre in mehreren Musikprojekten mit. Seit Dezember 2017 ist sie für den SMR als Assistentin tätig und hat per 1. September 2018 die Leitung der Geschäftsstelle übernommen. Zudem gehört sie der Geschäftsleitung des SMR an. Sie ist Mitglied der Taskforce Culture.

Die Taskforce Culture ist ein Kind der Pandemie. Wie kam es dazu?

Die Taskforce Culture (TFC) ist ad hoc nach der ersten Anhörung von diversen Kulturverbänden durch das Bundesamt für Kultur BAK am 12. März entstanden: Verschiedene Verbände haben im Nachgang dazu eine gemeinsame Medienmitteilung verfasst, damals allerdings noch nicht als Taskforce Culture. Man realisierte schnell, dass die Lage für den Kultursektor existentiell bedrohlich war, gleichzeitig stellten sich enorm viele Fragen. Es war klar, dass es in dieser schwierigen Lage ein Austauschgefäss innerhalb des Kultursektors brauchte und man nach aussen gemeinsam auftreten musste, um politisch etwas zu erreichen. Die Leitungen liefen heiss und wer genau den definitiven Anstoss für die Gründung gab, ist im Nachhinein nicht mehr eindeutig auszumachen.

Wie schafft man es, so viele verschiedene Akteure in eine Organisation einzubinden und zu vertreten?

Von Anfang an war es wichtig, sich die Vielfalt des Kultursektors stets vor Augen zu halten. Deshalb funktioniert die TFC sparten- und verbandsübergreifend, operiert schweizweit aber immer innerhalb bestehender Verbandsstrukturen. Trotz genrebedingten Unterschieden gibt es Gemeinsamkeiten, die alle verbinden und dementsprechend auch  ähnliche Fragestellungen und Probleme.

Innerhalb der TFC trifft man sich wöchentlich. Was geschieht an diesen Sitzungen?

Die Treffen folgen einer Traktandenliste und dienen dem gemeinsamen Austausch, dem Sammeln und Kategorisieren von Problemen und Verteilen der Aufgaben. Themen sind beispielsweise der Vollzug der Unterstützungsmassnahmen oder die Öffnungsschritte, Aufgaben das Planen und Koordinieren der politischen Arbeit im Parlament oder von Medienmitteilungen.

Auch mit dem Bundesrat tauscht man sich regelmässig aus

Der Austausch mit Bundesrat Alain Berset erfolgt ungefähr alle zwei Monate, bisher haben drei Treffen stattgefunden. Sie fanden bisher nicht mit der gesamten Taskforce Culture statt, das EDI lädt jeweils nur ausgewählte Kulturverbände ein. Diese decken sich mehrheitlich mit denjenigen Vereinigungen, die in unserer Arbeitsgruppe aktiv sind. Die TFC versucht, diese Sitzungen zu koordinieren und im Vorfeld gemeinsame Standpunkte herauszuarbeiten.

Habt Ihr ein Motto oder einen Leitsatz für Eure Arbeit?

Immer für die Sache (Kultur) und immer über den eigenen Verband hinaus denken! Die TFC funktionierte bisher so gut, weil in unserer Arbeitsgruppe Leute mitarbeiten, die in der Lage sind, über das eigene Gärtli hinaus zu denken. Ich habe das Glück Präsidentin eines Verbandes zu sein, in dem sowohl Veranstaltende als auch Produzierende bzw. Kulturschaffende Mitglieder sind. Das ist anspruchsvoll und toll.

Was sind die bisher wichtigsten Meilensteine der Organisation?

Wir haben es geschafft, dass die kulturspezifischen Unterstützungsmassnahmen im Covid-19-Gesetz verankert wurden. Diese wurden zuerst vom Bundesrat in einer Verordnung festgehalten und mussten im Herbst 2020 vom Parlament ins Covid-19-Gesetz übernommen werden. Es war alles andere als sicher, ob diese Massnahmen ihren Weg ins Gesetz finden würden. Über 80 Kulturverbände und – Organisationen haben zusammen eine Stellungnahme für den schweizerischen Kultursektor erarbeitet und im Rahmen des Vernehmlassungsverfahrens eingereicht. Damit gelang in der kurzen Frist von drei Wochen ein starkes Zeichen. Wir konnten ebenfalls erreichen, dass auch Freischaffende Ausfallentschädigungen beantragen konnten, was zuvor nur für Selbstständige möglich war. Zudem konnten wir dazu beitragen, dass der Corona-Erwerbsersatz nicht nur den Selbstständigen offen steht, die wegen Betriebsschliessungen gar nicht arbeiten dürfen, sondern auch denjenigen, deren Erwerbstätigkeit massgeblich eingeschränkt ist.

Gibt es ein persönliches Highlight?

Ich fand es sehr befriedigend, als wir im Herbst 20 die mehrfach geforderte Sitzung mit Herrn Bundesrat Berset abhalten konnten. Ich hatte von Anfang an den Eindruck, dass ihm die schwierige Situation der Kultur und auch der Gastronomie absolut klar war. Man spürt aber auch, wie schwierig es für einen einzelnen Bundesrat ist, weil das Gremium als Einheit funktioniert. Und da liegen die Mehrheiten tendenziell nicht auf unserer Seite.

Was habt Ihr in der Zusammenarbeit mit dem Bund gelernt?

In der Session sind die Karten oft schon gemischt. Wenn man etwas erreichen will, muss man bereits viel früher ansetzen, nämlich in den parlamentarischen Kommissionen. Ausserdem sind persönliche Kontakte Gold wert und Vertrauen ist die Währung. In Bern läuft aktuell die Sommersession. Ab Juni gibt es neue Lockerungsschritte, gelten neue Massnahen.

Was ist Euer Standpunkt dazu?

Es braucht mehr Mittel für die Ausfallentschädigung und den Schutzschirm für grössere Anlässe. Nötig sind ausserdem mehr Finanzhilfe für die Kulturvereine im Laienbereich sowie die Verlängerung des Corona-Erwerbsersatzes. Eine Nicht-Erneuerung bedeutet für sehr viele Freischaffende der Super-Gau. Natürlich wünschen wir uns generell eine Verlängerung der Entschädigungsmassnahmen über Ende 2021 hinaus. Erstmal muss am 13. Juni aber das Covid-19-Gesetz angenommen werden. Wenn es abgelehnt wird, ist die Grundlage weg und wir stehen im Regen.

Wie verhält Ihr Euch konkret in Bezug auf die Abstimmung über das Covid-19-Gesetz?

Gerade haben wir wieder zwei Medienmitteilungen veröffentlicht, die nächste ist bereits im Entwurf. Ausserdem haben wir Abstimmungsempfehlungen an die Räte und Rätinnen versandt. Das ist sehr wichtig, aber auch aufwändig, weil man die Geschäfte genau kennen und studieren muss.

Bis vor Corona hat jeder (Dach-)Verband oft einzeln gekämpft und sich manchmal sogar gegenseitig konkurriert. Ist das „Zusammen stärker sein – gemeinsam mehr erreichen“ auch ein zukunftstaugliches Modell?

Unbedingt. Aber wie gesagt: Aus meiner Sicht steht und fällt es mit den beteiligten Menschen. Es braucht Schnelldenkende mit viel Knowhow und wenig Eitelkeit. Die TFC entstand beim Machen, sie ist informell und dennoch stark, weil sie aktiv ist und anpackt.

Alle Medienmitteilungen sowie die Auflistung der Mitglieder von Taskforce Culture und weiterführende Informationen finden Sie hier.

Covid-19-News für Kulturschaffende – Pro Kultur Kanton Zürich bietet einen Überblick.

„Kultur ist mein Beruf“

Eine Kampagne von SONART und Partner:innen, entstanden aus der Taskforce Romandie. „Wir Künstler und Künstlerinnen sind nur ein kleiner Teil der Eventbranche und die Erfolgreichen von uns werden diese Krise finanziell irgendwie überstehen. Aber es geht um alle anderen, welche hinter und vor den Kulissen die ganze Zeit dafür arbeiten, dass wir alle Kultur geniessen können.“

(Dabu Bucher von DABU FANTASTIC).

Es sind viele!

Sie sind Fachpersonen aus der Kulturszene. Sie haben sich, unabhängig von ihren unterschiedlichen Rollen und Interessen, zusammengeschlossen, um ihre Branche als Wirtschaftssektor zu verteidigen. Eine Branche, die 15 Milliarden Franken Umsatz macht. Jeder 10. Schweizer Betrieb zählt in irgendeiner Form zur Kultur- oder Kreativwirtschaft. Sie alle haben die Pandemie und die damit verbunden Massnahmen hart getroffen.

In einem Video machen bekannte Schweizer Bühnenkünstler:innen auf die Situation aufmerksam und bitten um Unterstützung. „Die Branche der auftretenden Künstler:innen war die erste, die runtergefahren wurde. Und es wird auch dieser Wirtschaftszweig sein, der als letztes wieder hochgefahren wird“, meint Manu Burkart (DIVERTIMENTO) und James Gruntz betont: „Kultur zu schaffen ist ein Beruf und unsere Arbeit ist systemrelevant.“

Mit der Kampagne fordern die Branchenvertreter von Bund und Kantonen:

• Unkompliziert zugängliche wirtschaftliche und kulturelle Massnahmen, die alle Berufsfelder der Kulturbrache erfassen

• Rasche Bearbeitung der Gesuche und Auszahlung gesprochener Gelder

• Einbezug der Verbände bei der Planung der Wiedereröffnung

• Bis sechs Monate nach Ende der Krise Unterstützungsmassen (Vorlaufzeit bis zu einem Normalbetrieb)

• Eine Weiterführung der ordentlichen Kulturförderungen ohne Kürzungen, mit auf die Situation angepassten Kriterien

Ihr Ziel: Verbindliche Planbarkeit mit Konzepten, für die Kulturbranche und Behörden gemeinsam einstehen und beim Publikum Vertrauen schaffen.

„Wir sind viele!“ – steht es gross und fett, weiss auf schwarz im Abschlussbild des Kampagnen-Viedos. Fachpersonen aus dem Kultursektor können sich auf der digitalen Wand der Website registrieren. Ein Zähler zeigt: 5601

(Stand 30.Mai).

Weitere Infos und Registrierung hier.